Erkelenz: "Dom an der Niers" und seine Kleinode

Erkelenz: "Dom an der Niers" und seine Kleinode

Auf Einladung des Heimatvereins der Erkelenzer Lande kamen 120 Besucher in die Keyenberger Kirche Heilig Kreuz. Mit der Führung sollten Geschichten lebendig erhalten werden, ehe auch dieses Gotteshaus dem Tagebau weichen muss.

Die Vorboten des Unvermeidlichen sind überall rund um Keyenberg unverkennbar. An vielen Stellen lässt RWE neue Brunnen bauen, über die das Gebiet entwässert werden soll, aus dem die Braunkohle abgebaut werden soll. Dem Unvermeidlichen beugen werden sich auch die Gläubigen in diesem Ort im Erkelenzer Osten, der gemeinsam mit Kuckum, Berverath, Ober- und Unterwestrich in den nächsten Jahren von der Landkarte verschwinden wird und an anderer Stelle neu mit altem Namen erscheint.

Unvermeidlich ist auch der Abriss des "Doms an der Niers", wie Hans-Josef Pisters die Kirche im Herzen des Dorfes bezeichnet. Im ehrwürdigen Gotteshaus begrüßte er auf Einladung des Heimatvereins der Erkelenzer Lande mehr als 120 Besucher aus nah und fern, die sich von ihm über die Kirche und den Ort informieren lassen wollten, bevor es zu spät ist.

Die noch wache Erinnerung an die Zerstörung des Immerather Doms, dessen Vernichtung der Heimatverein als "unfassbare Schande" betrachtet, hat die Sinne geschärft für den Verlust von Kulturgut, Geschichte und Heimat.

"Wir befinden uns in einer schweren Zeit, die noch schwerer werden wird", meinte Pisters im Rückblick auf das Schicksal der bereits durch den Tagebau Garzweiler II vernichteten Dörfer und im Vorblick auf das "von uns nicht Gewollte" - eine Ansicht, von der sich weder die Verantwortlichen in der Politik noch in der Führungsetage des Energieriesens beeindrucken lassen. Sie halten unbeirrt an dem fest, was der Heimatverein als den "ökonomisch und ökologisch unsinnigen Braunkohletagebau der RWE AG" betrachtet.

Als die schönste Kirche im Abbaugebiet werde die Heilig-Kreuz-Kirche in Keyenberg angesehen, sagte Pisters, der zunächst deutlich machte, dass Keyenberg schon seit römischer Zeit als Siedlung bestand. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 893, seit 1972 gehört der Ort zur Stadt Erkelenz.

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Der Grundstein für die erste Kirche wurde dank der Heiligen Plektrudis 714 gesetzt, 716 gab es angeblich die Einweihung. Seitdem ist in acht Bauperioden die Kirche immer wieder erneuert, wiederhergestellt und umgebaut worden. 1866 wurde der letzte Neubau beschlossen, und zwar in zwei Abschnitten. Zunächst entstand 1867 die neue Choranlage, 1912 wurde das Langschiff neu gebaut. 2023 soll dann die Kirche dem Erdboden gleichgemacht werden.

Fast schon fassungslos berichtete Pisters davon, dass die farbigen Figuren in den Nischen und an den Wänden irgendwann einmal durchgängig braun angestrichen und auch die Farbe an den Wänden mit Weiß übertüncht worden waren. Größtenteils konnte der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt werden.

Ausführlich ging Pisters auf die einzelnen historisch bedeutsamen Teile der Kirche ein, etwa das original erhaltende Vortragekreuz von 1656, die zum Teil aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammenden Figuren, die vom Erkelenzer Künstler Peter Tillmanns 1913 geschaffene Kanzel, die Fenster aus unterschiedlichen Epochen und den Altar, das Prunkstück schlechthin. Die farbige Originalzeichnung des Altars befindet sich hinter Glas auf der Wand der Orgelbühne.

Spektakulär ist auch das Taufbecken aus dem 15. Jahrhundert, in dem sich eine Blechschale von 1733 befindet. Beeindruckend ist die Orgel, die 1883 bis 1886 für einen Preis von 8333 Mark gebaut wurde und die in ihrer Substanz original erhalten ist. Von der Qualität dieser Orgel konnten sich die Besucher überzeugen, als Professor Norbert Brendt spontan nach Pisters' Vortrag darauf musizierte.

Nachdenklich ließ Pisters die Zuhörer und Betrachter der Keyenberger Kirchenschätze zurück, als er in seinem Schlusswort schließlich die Frage aufwarf, was mit den "Vertriebenen zu Friedenszeiten" geschehen wird. Sie verlieren ihre Kirche als Ort des Glaubens, sie verlieren den Ort als Platz der Familie und sie verlieren ihre Heimat als Hort der Sicherheit und der Gemeinschaft. "Wo die Heimat war, ist ein riesiges Loch", sagte Hans-Josef Pisters - eine Leere.

(kule)
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