Johannes Spitzlei Der „vergessene“ Bürgermeister von Erkelenz

Erkelenz · Johannes Spitzlei war von 1916 bis 1932 Bürgermeister von Erkelenz. Heute ist über ihn kaum etwas bekannt – obwohl sein Wirken bis heute fortbesteht.

 Johannes Spitzlei war von 1916 bis 1932 Erkelenzer Bürgermeister.

Johannes Spitzlei war von 1916 bis 1932 Erkelenzer Bürgermeister.

Foto: Stadtarchiv

Johannes Spitzlei war von 1916 bis 1932 Bürgermeister in Erkelenz. Heute ist er fast vergessen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Bernhard Hahn wurde ihm kein Straßenname gewidmet. Nur noch sein Grabstein auf dem Friedhof an der Brückstraße erinnert an den Verwaltungsbeamten, der das Schiff Erkelenz erfolgreich aus der Kaiserzeit in die Weimarer Republik führte, in seiner Amtszeit wirtschaftlich und politisch stürmische Zeiten erlebte und dessen Wirken zum Teil bis heute Bestand hat.

Johannes Spitzlei wurde am 27. November 1866 in Köln geboren, er heiratete 1895 Mathilde Rahman aus Mülheim an der Ruhr und bekam mit ihr zwei Töchter, Grete und Gerta. Von 1908 bis 1915 war er Bürgermeister der ländlichen Gemeinde Niederkrüchten, die damals noch zum Kreis Erkelenz gehörte. Als in Erkelenz der Erste Beigeordnete und kriegsbedingt der Stellvertreter des Bürgermeisters, Sanitätsrat Franz Hahn, 1915 starb, wurde Spitzlei die Nachfolge angetragen. Am 26. April 1916 wurde er einstimmig vom Stadtrat zum Bürgermeister gewählt. Er ist dann noch zweimal ebenso einstimmig wiedergewählt worden. Nach 17-jähriger Amtszeit trat Johannes Spitzlei am 31. März 1932 in den Ruhestand. Der inzwischen Verwitwete zog nach Aachen.

Kurz darauf wurde Johannes Spitzlei einstimmig zum Ehrenbürger ernannt. Johannes Spitzlei verstarb am 24. Oktober 1934 im Kamilianer Krankenhaus München-Gladbach. In seinem Totenzettel steht: „Der Verstorbene war ein stets pflichttreuer Beamter, der ohne Rücksicht auf Menschenlob oder Tadel dem Staat und der Gemeinde diente.“

 So sah das Alte Rathaus um 1920 aus.

So sah das Alte Rathaus um 1920 aus.

Foto: Archiv Heimatverein

Unter Verantwortung von Bürgermeister Spitzlei wurde in seiner siebzehnjährigen Amtszeit viel in der Stadt geschaffen. Einiges davon hat bis heute Bestand. Ab 1918 wohnte er mit seiner Familie in einer Dienstwohnung im ersten Stock seines Bürgermeisteramtes am Johannismarkt. Seine Amtsjahre sollten keine leichten werden. Immer wieder sah er sich mit neuen Krisen konfrontiert; im Ersten Weltkrieg Mangel an Lebensmitteln, Kohlen und Petroleum und sogar Kleidung, Beschlagnahmungsaktionen von Metallen für die Kriegswirtschaft und bedürftige „Kriegerfamilien“, im November 1918 Revolution und der Durchmarsch der von der Westfront zurückkehrenden Truppen. Ab Dezember erfolgte die Besetzung der Stadt durch französische und belgische Armee-Einheiten. Nach dem passiven Widerstand 1923 gegen die Ruhrbesetzung der Alliierten wurden etliche Bürger und Beamte aus der Stadt ausgewiesen. Hinzu kamen Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise.

Johannes Spitzlei bewältigte diese Krisen mit „Ruhe, Bescheidenheit und Überlegung“, wie es bei seiner Verabschiedung hieß.

In der Amtszeit von Spitzlei stieg der städtische Grundbesitz von 70,05 auf 79,99 Hektar. „Die Finanzen der Stadt seien gesund geblieben bzw. das Vermögen habe sich bedeutend vermehrt“, so bilanzierte der städtische Sparkassendirektor Holzmann bei der Verabschiedung des Bürgermeisters im Jahre 1932.

1917 wurde an der Westpromenade das Wohnhaus der Bildhauer Winkelnkemper und Laumen erworben, um dorthin die Höhere Mädchenschule zu verlagern. 1918 kaufte die Stadt das repräsentative Claessen‘sche Haus am Johannismarkt, um hier das Rathaus unterzubringen. Daneben wurden Wohlfahrtsamt, Polizeistation und Bauhof eingerichtet. Heute steht dort das Rathaus mit der Stadtverwaltung.

Eine städtische Sparkasse wurde gebildet und hier untergebracht. Für diese wurde dann im Jahre 1925 ein eigenes Gebäude auf der heutigen Kölner Straße gebaut. Im Jahre 1830 wurde in Erkelenz die Höhere Bürgerschule gegründet. Diese Schule entwickelte sich stetig. Im Jahre 1907 wurde diese Höhere Bürgerschule in ein Progymnasium. Schon im Jahre 1905 wurde der Grundstein für ein neues Schulgebäude an der Südpromenade gelegt, nachdem Anton Raky mit 50.000 Mark den Grundstock für die Bausumme gespendet hatte. Das Progymansium entwickelte sich weiterhin. Wer aber das Abitur ablegen wollte, musste dafür auf ein Gymnasium wechseln. Um dies zu vermeiden, beschloss der Stadtrat im Jahre 1919 die Umwandlung in ein „Vollgymnasium“. Im Jahre 1923, also vor 100 Jahren, wurde die erste Abiturprüfung abgehalten.

1928/29 entstand die Sporthalle als Mehrzweckbau (später Stadthalle genannt) und im Jahre 1930 die Badeanstalt. Hier wurden im Jahre 1935 dann noch Brause- und Wannenbäder für die Benutzung durch die Erkelenzer Bürger eingerichtet. Dem Krankenhaus gegenüber entstand an der Hospitalstraße 1926 eine neue zwölfklassige Volksschule. Heute ist sie ein Teil der Hauptschule.

Entsprechend der schlechten wirtschaftlichen Lage der Stadt verfiel auch das Alte Rathaus zusehends. Ab 1907 verließ die Stadtverwaltung das Gebäude. Durch die Anbindung an das Eisenbahnnetz und die Ansiedlung von Industrieanlagen (etwa Anton Raky mit der Internationalen Bohrgesellschaft) stieg der Wohlstand in Erkelenz in einem ungeahnten Maße. Die Bürger suchten nach einem repräsentativen Ausdruck und wollten das Alte Rathaus abreißen lassen und es nach den Plänen des Erzdiözesanbaumeisters Heinrich Renard mitten auf dem Markt und etwas erhöht in einstiger Form neu entstehen lassen. Das Projekt scheiterte an den Kosten und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Danach gab es sowohl Bürger, die sich für den Erhalt des Alten Rathauses einsetzten, als auch solche, die es abreißen lassen wollten. Auf der 600-Jahrfeier der Stadt Erkelenz im Jahre 1926 führte der Geschichts- und Altertumsverein eine Tombola zur Renovierung des Rathauses durch. Er wollte in dem Gebäude ein Heimatmuseum einrichten. Diese Idee wurde in Verbindung mit dem Rathausbauverein und dem Museumsverein in den Jahren 1930/31 verwirklicht. Zu diesem Zweck öffnete man auf der südlichen Schmalseite die Arkaden und versah das Walmdach mit Dachgauben, so dass es als Museumsräumlichkeit benutzt werden konnte. Das Gebäude erhielt wieder einen weißen Anstrich.

Die Volksschule in Erkelenz im Jahr 1927.

Die Volksschule in Erkelenz im Jahr 1927.

Foto: Archiv Heimatverein
 Erkelenz, Unterschrift Bürgermeister Johannes Spitzlei

Erkelenz, Unterschrift Bürgermeister Johannes Spitzlei

Foto: Archiv Heimatverein

Für den Heimatverein sei abschließend erwähnt, dass Johannes Spitzlei von Beginn an den Geschichts- und Altertumsverein (heute Heimatverein der Erkelenzer Lande) förderte, schon unter dem Gründungsaufruf von 1920 findet sich seine Unterschrift.

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