Brauchtum: Schützen und Karneval Sorgen um Zukunft

Redaktionsgespräch: Brauchtum — neue Akteure fehlen

Den Erkelenzer Dachverbänden im Schützenwesen und Karneval fehlen Vorsitzende. Kremer und Heiss haben, mit langer Ansage, die Posten zur Verfügung gestellt — und keine Nachfolger gefunden. Eine Ursachensuche.

Bernd Heiss und Hermann-Josef Kremer – beide Namen sind eng mit dem heimischen Brauchtum verbunden. Beide führten viele Jahre die Dachverbände: Heiss die Vereinigung der Karnevalsgesellschaften der Erkelenzer Lande und Kremer den Bezirksverband Erkelenz der Schützenbruderschaften. Beide haben ihre Ämter, lange war das angekündigt, niedergelegt. Nachfolger fanden sich nicht.

Sie standen beide viele Jahre an der Spitze Ihrer Verbände – Nachfolger, die Ihre Arbeit übernehmen, haben sich indes nicht gefunden. Mit welchen Gefühlen beobachten Sie diese Situation?

KREMER Schon Mitte 2015 habe ich in der Bruderratssitzung mitgeteilt, dass ich das Amt spätestens im Jahr 2018 aufgeben werde. Sicherlich sind in dieser Zeit Gespräche geführt worden, jedoch glaube ich mittlerweile, dass ein solches Thema an der Basis falsch kommuniziert wird.

HEISS Auch wir sind ja nicht untätig geblieben, nachdem ich meinen Rückzug angekündigt hatte. Eigentlich wollte ich den Staffelstab schon 2016 weitergeben, habe dann aber weitergemacht. Für mich ist es bedauerlich zu sehen, dass in der VKEL nur aktuell noch drei von sieben Vorstandspositionen besetzt sind.

Wenn bei den Schützen der Bruderrat tagt oder bei den Karnevalisten die VKEL zur Mitgliederversammlung bittet – sitzen Ihnen dann vielleicht sogar nicht die richtigen Ansprechpartner gegenüber? Vor Ort sind dann doch eher diejenigen, die ohnehin schon Posten bekleiden.

KREMER Das ist richtig. Wenn ich mich selbst mal betrachte, so habe ich ja nie eine Bruderschaft als Brudermeister geführt. Daher war das wohl ein Glücksfall damals, dass ich im Bezirksverband erste Ämter – los ging es damals mit dem Sportschießen – übernommen habe.

HEISS Bei mir war das ja damals ähnlich praktisch – ich war zwar mal Vorsitzender der 1. Großen Stadtgarde Wegberg, konnte aber das Amt, nachdem ich zum VKEL-Vorsitzenden gewählt war, an Erich Ropohl weitergeben. Wenn es darum geht, nicht den richtigen Ansprechpartnern gegenüberzusitzen, so haben wir intensiv versucht, mit Kandidaten ins Gespräch zu kommen, die in ihren heimischen Karnevalsgesellschaften nicht an Ämter gebunden sind.

Wie haben Sie das gemacht?

HEISS Wir sind von der Mitgliederversammlung beauftragt worden, die angeschlossenen Gesellschaften anzuschreiben. Das haben wir gemacht. Nur war die Resonanz eher dürftig. Aber wir sind von Vereinen eingeladen worden, um zu reden. Nur ist das Ergebnis immer offen geblieben, so dass es bis heute niemanden gibt, der den Vorsitz übernehmen möchte.

Woran liegt das?

HEISS Das hängt wahrscheinlich mit einer Menge Faktoren zusammen . . .

KREMER . . . was die Leute möglicherweise abschreckt. Ich nenne da mal die vielfach erhöhten Vorgaben, die es einzuhalten gilt, etwa das Thema Sicherheit bei Umzügen und so weiter. Auch ein Schatzmeister ist bestenfalls von seinem Beruf her ein Finanzexperte.

Bürokratisieren wir denn das Vereinsleben zu Tode?

HEISS Das kann man so sagen. Sicherlich sind die Vorschriften immens gestiegen. Die Züge etwa bekommt man ja nicht mehr ohne Security-Kräfte über die Bühne. Es ist aber auch so, dass das Schützenwesen und der Karneval, also das Brauchtum, heute nicht mehr so angesehen sind.

KREMER Aber vergessen wir auch nicht, dass die Leute heutzutage auch beruflich sehr eingespannt sind. Letztlich ist es wohl eine allgemeine Entwicklung der Gesellschaft, mit der das ganze Vereinswesen zu kämpfen hat. Und: Heute finden verpflichtend viele Veranstaltungen statt, um sich für die Ausübung eines Amtes zu qualifizieren, hier sei zum Beispiel das Thema Präventionsmaßnahmen in den verschiedenen Bereichen wie sexuelle Gewalt oder auch Umgang mit Alkohol erwähnt. Das sind alles Dinge, die es damals einfach nicht gab. Da wird den Leuten heute schon sehr viel auferlegt.

Das heißt, mögliche Kandidaten scheuen sich davor, die ganze Verantwortung zu übernehmen?

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HEISS Man muss sich erst mal im Klaren darüber sein, der Sache einen Sinn zu geben. Gibt es einen solchen nicht, braucht man sich ja erst gar keine Gedanken über das Thema Vorstand zu machen.

KREMER Ich beobachte zudem, dass die Menschen heute viel weniger Geduld haben. Fakt ist, dass man sich vor Augen führen muss, was das Vereinswesen im Allgemeinen für die Gesellschaft tut und wie das von außen akzeptiert wird. Es ist ein Umfeld notwendig, welches das Brauchtum schätzt.

Sie sind beide in Ihrer Zeit als VKEL-Vorsitzender und Bezirksbundesmeister viel durch die Lande gereist und haben Karnevalsgesellschaften und Schützenbruderschaften offiziell besucht. Haben Sie das als Stress empfunden?

HEISS Es kann dahingehend sicherlich ausarten, ja. Aber dennoch war es immer schön, vor Ort zu sein, die Menschen zu treffen, viele Gespräche zu führen, Kontakte zu knüpfen. Man muss sich definitiv einen Plan machen, um die Besuche zu koordinieren. Es gab ja auch immer Hilfe der Vorstandskollegen.

KREMER Ich habe das nie als Stress empfunden. Ich muss vor allem sagen, dass viele Dinge in den verschiedenen Ämtern, die ich ausgeübt habe, immer die Unterstützung meiner Familie hatte. Darum: Jede Auszeichnung, die ich bekommen habe, gilt auch meiner Familie.

HEISS Dem kann ich uneingeschränkt so zustimmen.

Was muss der Kandidat oder die Kandidatin mitbringen, um in den Dachverbänden erfolgreich zu arbeiten?

HEISS Viel Liebe für das Brauchtum. Sie sollten wissen, was das Brauchtum ausmacht. Und es ist sicher auch wichtig zu wissen, wie man an die Jugend herankommt.

KREMER Ganz wichtig ist auch, eine eigene Handschrift zu entwickeln und nicht zu einem Herrn Heiss und Herrn Kremer zu werden. Wir wollen unseren Nachfolgern nichts vorschreiben, sie sollen aber Interesse mitbringen.

Was hat Sie eigentlich dazu gebracht, Verantwortung zu übernehmen?

KREMER Familiär bedingt ist mir das Brauchtum – auch das karnevalistische – in die Wiege gelegt worden. So bin ich schließlich auch dort ausgekommen.

HEISS Ich war schon Mitte 30, als ich zunächst Schatzmeister im Heimatverein Wegberg-Beeck wurde. Schließlich kam ich über unsere Tochter zum Karneval. Sie hatte zum damaligen Zeitpunkt getanzt. So nahm alles seinen Lauf.

Sehen Sie das Brauchtum langfristig in Gefahr?

HEISS Das denke ich nicht. Da muss man nichts Neues erfinden, aber beim Karneval denke ich, dass eine Hinwendung zum Traditionellen nicht falsch wäre.

KREMER Entscheidend ist, über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken. Letztlich ist das Schützenwesen noch genauso aktuell wie vor 30 Jahren.

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