Ausstellung in der Erkelenzer Stadtbücherei Wie die Nazis die Arbeiter beeinflussten

Erkelenz · Eine Ausstellung des Deutschen Gewerkschaftsbundes wird um Beispiele aus der NS-Zeit in Erkelenz und Umgebung erweitert. Der Heimatverein ist dazu auf Spurensuche gegangen.

 Die Beteiligten stellen die Ausstellung vor, die ab dem 5. Oktober zu sehen ist.

Die Beteiligten stellen die Ausstellung vor, die ab dem 5. Oktober zu sehen ist.

Foto: Christos Pasvantis

Die Stadt Erkelenz will die Erinnerungskultur um die Gräueltaten der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 auch in diesem Jahr lebendig halten. Nachdem sie im vergangenen Jahr zum Theaterstück „Zeitspiel“ einen echten Waggon, mit dem 8000 Menschen in Konzentrationslager deportiert wurden, vor die Stadthalle stellen ließ, kommt in diesem Jahr die Ausstellung „... gerade Dich, Arbeiter, wollen wir.“ in die Stadtbücherei. Die Ausstellung, die sich mit dem Thema „Nationalsozialismus und freie Gewerkschaften im Mai 1933“ auseinandersetzt, ist von der Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund entwickelt worden. Aus lokaler Sicht besonders interessant ist aber der Fakt, dass sie um Schicksale aus Erkelenz und Umgebung erweitert wird.

Angesichts der sogenannten Machtergreifung, die sich in diesem Jahr zum 90. Mal jährt, hatten der Heimatverein der Erkelenzer Lande, die Kultur GmbH und die Volkshochschule das Thema bei zahlreichen Veranstaltungen aufgegriffen. Dass nun die Ausstellung in die Stadt kommt, liegt maßgeblich an Frank Körfer, der sie in Vogelsang gesehen hatte und unbedingt nach Erkelenz holen wollte.

Vom 5. Oktober bis zum 10. November wird sie nun in der Bücherei zu sehen sein – am 9. November, dem Tag der Reichspogromnacht, wird in der Stadthalle zudem das Theaterstück „Mephisto“ gespielt.

Die Ausstellung an sich beschäftigt sich mit der systematischen Abschaffung der Grundrechte im Nationalsozialismus, gerade in Industriebetrieben, und beleuchtet die Probleme aus mehreren Perspektiven. Zur Eröffnung am 5. Oktober wird es in der Leonhardskapelle ab 19 Uhr lokale Expertise von Rita Hündgen, Hubert Rütten und Jakob Wöllenweber geben, die sich auf Spurensuche bei der Zerschlagung von Gewerkschaften und weiteren Arbeiterorganisationen im Kreis Heinsberg gemacht haben. „Dabei werden wir extrem spannende Facetten sehen“, glaubt Frank Körfer.

Hündgen und Rütten wollen unter anderem die Geschichten von Jack Schiefer und Reinhold Klügel erzählen. Die ehemalige Geschichtslehrerin Hündgen erklärt: „Hitler hat das damals, in Anführungszeichen, ja raffiniert eingefädelt. Der 1. Mai war ein Feiertag, am 2. Mai folgte der Schlag gegen die Gesellschaften, die gut in dieses erste Jahr der Gleichschaltung passte. Eine Opposition konnte ja nur aus den Parteien oder Gewerkschaften kommen.“

Jack Schiefer, der später erster Erkelenzer Landrat wurde, war als SPD-Politiker, Gewerkschafter und Widerstandskämpfer 1935 denunziert, verhaftet und in den Gestapo-Kellern schwer misshandelt worden. Es wird aus seinem Tagebuch vorgelesen und seine Geschichte erzählt. Reinhold Klügel (Zentrumspartei) hatte sich ebenfalls stark für die Belange der Arbeiterschaft eingesetzt. Ihm hätte wohl das gleiche Schicksal wie Schiefer gedroht, wenn er nicht durch einen ominösen Anruf freigekommen wäre.

Jakob Wöllenweber vom erst vor zwei Jahren eröffneten Dokumentationszentrum Glanzstoff in Oberbruch hat mit seinen Mitstreitern die gesamte Geschichte der Fabrik aufgearbeitet. Darunter auch zahlreiche Werkszeitschriften, Geschäftsberichte und Bücher leitender Angestellter ab 1933. „Wir wissen deshalb viel darüber, wie die damalige Situation in der Unternehmerschaft und Arbeiterschaft angekommen ist“, sagt Wöllenweber. Es sei wichtig, zu verstehen, dass die Nation sich damals in einer massiven Wirtschaftskrise befand. Die Glanzstoff als wichtiger Zulieferer für die Textilbranche habe also in gewisser Weise von der Machtergreifung profitiert, plötzlich waren die Auftragsbücher wieder voll. „Es gab zuvor Not und Elend, und man war froh, dass man wieder Arbeit hatte“, erklärt Wöllenweber.

„Das zeigt, dass das Thema viele Facetten hat“, sagt Frank Körfer. Sehr gerne hätte er auch die Geschichte der Hückelhovener Zeche Sophia-Jacoba mit verarbeitet, doch mit einer Prise Sarkasmus sagt er: „Dort hatte der Nationalsozialismus offensichtlich nur ein ganz kurzes Intermezzo. Sämtliche Unterlagen sind nicht mehr da.“ Wohl auch in Hückelhoven sind nach Kriegsende bergeweise belastende Akten verbrannt worden.