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Altweiber im Erkelenzer Land: Möhnen, Ritter und ein schlappes Gummi

Rathausstürme in Erkelenz, Wegberg, Wassenberg und Ratheim : Möhnen, Ritter und ein schlappes Gummi

Zum Auftakt des Straßenkarnevals stürmen Närrinnen und Narren die Rathäuser in Erkelenz, Wegberg, Wassenberg und Ratheim.

Über diese Menge an Müllsäcken haben sich Prinz Franz III. (Bocks) und Prinzessin Bernadett I. (Meinold), das Prinzenpaar der Erkelenzer Karnevalsgesellschaft von 1832, sichtlich gefreut. Denn: So zeigte sich, dass der Rat der Stadt Erkelenz Paragraf Nummer 7 aus der Regierungserklärung des Prinzenpaares eingelöst hatte. Stand dort doch geschrieben, dass die Stadt Erkelenz schöner werden möge, indem die Ratsmitglieder die Spielplätze in der Stadt von Müll und Unrat befreiten.

Zuvor musste sich Bürgermeister Peter Jansen an „Wieverfastelovend“, dem Altweibertag, ein letztes Mal geschlagen geben, als die Möhneleut der EKG ihn sowie Rat und Verwaltung aus dem Alten Rathaus am Markt scheuchten. Somit haben die Jecken am Tag des Beginns des Straßenkarnevals die Macht über die Stadt übernommen.

Nachdem die Funken- und Prinzengarde der EKG ihre Flaggen am Alten Rathaus gehisst hatten, zog der blau-weiße Tross zur Stadthalle, wo der große Saal zur Altweibersause geöffnet war. EKG-Hofsänger Markus Forg sang die Jecken in Stimmung. Viele Möhnen waren gekommen, um sich im Wettstreit zu messen, wer die schönste ist. Die Möhneleut der EKG hatten dazu das Rahmenprogramm gestrickt. Prinz Franz III. brachte mit seinem Sessionslied Erkelenz auf Trab.

Um Punkt 11.11 Uhr brachen auch in Wegberg alle Dämme: „Stocki, komm’ raus!“, skandierte die jubelnde Jeckenschar auf dem Rathausplatz. Sämtliche Karnevalsgesellschaften aus dem Stadtgebiet waren vertreten, um mit Unterstützung der Möhnen und vielen Kindergartenkindern Bürgermeister Michael Stock die Macht zu entreißen. Jubelstürme brandeten auf, als „König Stocki“ samt Hofstaat und mit dem großen Stadtwappen und dem Stadtschlüssel in den Händen vor die singende und schunkelnde Meute trat. „Wir haben im Rathaus die ganze Nacht durchgearbeitet und fleißig Kekse für die Kinder gebacken“, versuchte König Stocki die Narrenschar zu besänftigen – doch der plumpe Anbiederungsversuch lief ins Leere: Unter dem tosenden Beifall der Jecken musste der Möchtegern-Mühlenkönig die Insignien der Macht samt Stadtschlüssel an die Narren der rot-weißen Karnevalsgesellschaft Flöck op Wegberg übergeben. Moderator René Brockers, der mit seinem Mikrofon die Meute ordentlich angestachelt hatte, schickte den Bürgermeister in den Urlaub und rief: „Bis Aschermittwoch hat Stocki hier nix mehr zu sagen!“

Über dem Rathauseingang prangt das Motto: „Im Wegberger Mühlen-Märchenland schaffen Riesen, Zwerge, Feen – Hand in Hand. Fleißig und emsig sind wir für Euch da, selbst unser König – der ist bürgernah!“ Die diesjährige Session läuft in Wegberg ohne Rosenmontagszug und ohne Prinzenpaar ab. Dennoch lassen sich die Jecken der Mühlenstadt das Feiern nicht verbieten. Nachdem sie das Rathaus erobert hatten, schunkelten sie in der Kreissparkasse und im Forum Wegberg bis in den späten Abend munter weiter.

Etwas ganz Neues hatte sich die KG Kongo für den Rathaussturm in Wassenberg einfallen lassen: Bürgermeister Manfred Winkens sah sich im mittelalterlichen Rittergewand dem närrischen Angriff des Prinzenpaares Hermann und Silvia Flesch ausgesetzt. Winkens erwies sich als harter Knochen und bot den Kongo-Narren bei den unterhaltsamen mittelalterlichen Ritterspielen lange Paroli. Am Ende war es dann dem „schlappen Gummi“ des bürgermeisterlichen Flitzebogens geschuldet, dass der Verwaltungschef den Kürzeren zog und mit 1:2 in der Gesamtwertung unterlag. Zur Strafe musste er unter dem lauten Jubel der Närrinnen und Narren den städtischen Schlüssel rausrücken. Prinz Hermann prüfte sogleich, ob der Schlüssel auf die Rathaustüre passte und lud die Jecken zur Siegesfeier ins Kongo-Zelt hinter dem Roßtor ein.

Bürgermeister Bernd Jansen hätte die RKG „All onger eene Hoot“ gnädig stimmen können, wenn er denn Forderungen zum Neubau der Mehrzweckhalle abgenickt hätte: Wellnessbereich mit Sauna im Keller, Außen-Pool mit Poolbar und Liegestühlen, ein versenkbarer Hallenboden mit Bestuhlung und automatischer Selbstreinigungsfunktion sowie ein aufklappbares Dach für Feiern bei schönem Wetter waren die Wünsche, die Ramona Fister vortrug. Zudem ein VIP-Bereich, Tiefgarage und Konferenzraum mit neuester Multimedia-Technik. Der Name: Colosseum oder Ratheim-Arena. Doch Jansen, der lässig in einem Fenster des Alten Rathauses hockte, winkte ab. So musste doch der Rammbock in Richtung Rathaustür vorstoßen, bewegt von Prinz Uwe I. und Sigrid I. mit Wenk-Kinderprinzessin Shirina. In Uwe Tenzer, amtierender Prinz und Schützenkönig, 2016 Jungfrau Uwije, 2008 Bauer im Ratheimer Dreigestirn, hat Jansen jetzt einen Mitbewerber bei der Bürgermeister-Wahl. Der „Hoot“ enthüllte das Wahlplakat: Uwe Tenzer – yes, I can!

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