Wilhelm Borgs erinnert sich Als das Public Viewing nach Erkelenz kam

Erkelenz · Gemeinsam gespannt die Länderspiele verfolgen? Das gab es in Erkelenz schon vor Jahrzehnten. Wilhelm Borgs erinnert sich für uns an die Anfänge des Public Viewings.

 Zuschauer vor Thiss Lennartz auf der Aachener Straße in Erkelenz.

Zuschauer vor Thiss Lennartz auf der Aachener Straße in Erkelenz.

Foto: Wilhelm Borgs

„Toor, Toor, Toor“ schallt es am 4. Juli 1954 durch die Erkelenzer Straßen, genauer, vor den Radio- und Fernsehgeschäften. Mit überschlagender, enthusiastischer Stimme berichtet Reporter Herbert Zimmermann, dass Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen hat, sensationell. Neben der Tageszeitung gab es aktuelle Nachrichten Anfange der 1950er Jahre nur übers Radio. Beim Kinobesuch (seinerzeit hatte Erkelenz drei Kinos, alle auf der Aachener Straße) konnte man durch den Vorfilm, eine Art Wochenschau, einen Wochen-Rückblick bekommen.

Erst mit dem Fernsehen war das Weltgeschehen in Wort und Bild live erlebbar. Klar, dass dieses Medium sich so schnell verbreitete. Fußball und Fernsehen haben nicht nur den gleichen Anfangsbuchstaben, sondern begeistern auch die Menschen. Public Viewing ist heute unter Fußballfreunden sehr beliebt. 1954 war dieses Verhalten auch möglich, nur wusste keiner, dass es einmal so heißen würde. Damals gab es nur wenige Haushalte, die einen Fernsehapparat hatten. 1952 kam der erste deutsche Fernseher auf den Markt. Das waren großvolumige Geräte, aus Holz gefertigte Gehäuse mit relativ kleinem Bildschirm. Erst 1954 startete die ARD mit dem ersten Programm.

Um das neue Medium besser bekannt zu machen, hatten findige Händler zu den Weltmeisterschaftsspielen 1954 Fernsehapparate in ihre Schaufenster gestellt und angeschaltet. Fußballbegeisterte kamen, manche mit Stühlen und Leitern, um die Übertragung auch aus der zweiten, und dritten Reihe sehen zu können. Als Kind habe ich das so in Erkelenz erlebt und dieses Erlebnis mangels eines Fotoapparates aufgezeichnet. Resümee: Auch damals gab es schon Public Viewing, wenn auch in deutlich kleinerer Form. In Scharen standen die Menschen damals an den Schaufenstern, um die Spiele zu beobachten.

Die ersten Fernseher in den Erkelenzer Wohnzimmern.

Die ersten Fernseher in den Erkelenzer Wohnzimmern.

Foto: Wilhelm Borgs

In Erkelenz gab es vier Radio-, Fernsehgeschäfte: Brudermanns, Küppenbender, Thiss Lennartz und Radio Lennartz. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung hatten die Leute nun mehr im Portemonnaie, man konnte sich vieles leisten, also neben einem Radio auch einen Fernseher, oft kombiniert in einem Gehäuse, meistens noch mit Plattenspieler. Einige Jahre später trafen sich die Fans in den Gaststätten oder bei Freunden zum gemeinsamen Anschauen der Fußballspiele oder der Fernsehkrimis.

 Werbung der Erkelenzer Radiogeschäfte.

Werbung der Erkelenzer Radiogeschäfte.

Foto: Wilhelm Borgs

Fernsehen, Fußball und Werbung sind seit der Zeit eng miteinander verbunden. Willy Stein, ehemaliger Bürgermeister und Lehrer war dem Fußball sehr verbunden. Oft schenkte er uns Schülern großformatige Fotos der bekannten Fußballspieler. Diese Fotos hingen vorher einige Zeit in den Schaufenstern der Erkelenzer Zeitungsredaktionen und wurden immer wieder durch aktuelle Bilder ausgetauscht. Auch ein Lesezeichen aus dünnem Stoff mit einem abgebildeten Fußballer wurde als Werbemittel an Kinder verschenkt.

Dass der Empfang über den Äther erfolgte, hatten die Menschen mit der Verbreitung der Radiogeräte begriffen. Nun kamen mit dem neuen Medium auch die Bilder hinzu. Um diese Signale zu empfangen, war eine neue, auf dem Hausdach zu montierende Außenantenne nötig. Diese, aus Vierkantrohr mit darauf montierten Querstäben gefertigt, musste fest am Dachstuhl befestigt werden, damit das Gebilde auch starken Stürmen widerstand. Die Ausrichtung auf die Sender war recht aufwendig. Ein Monteur auf dem Dach drehte die Antenne so lange, bis der zweite Mann (oder die Frau) vor dem Empfangsgerät im Wohnraum mit dem Bild und Ton zufrieden war. Also zeitaufwendig und nicht ohne Gefahren (Arbeiten auf dem Dach). Fazit: Wie bei vielen Dingen war es in den Anfängen der Fernsehtechnik wesentlich teurer und aufwendiger als heute.

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