Rees: Wo der Deich am längsten ist

Rees: Wo der Deich am längsten ist

Radfahrer lieben diese Strecke: Nirgendwo sonst am Niederrhein kann so lange mit Blick auf den Rhein geradelt werden wie zwischen Haffen und Bislich. Dabei ist das Fahrvergnügen nur ein Nebenprodukt des Hochwasserschutzes.

Kräftiger Wind in den Haaren, das Blöken der Schafe und die Wellen des Rheins im Ohr und frische Landluft in der Nase - wer Urlaubsgefühle bekommen will, muss dafür gar nicht bis in die Niederlande fahren: Denn mit dem Deich haben die Niederrheiner ihren Erholungsort für ausgiebige Radtouren oder Spaziergänge direkt vor der Haustür. Und so können Naturphänomene wie das Hochwasser oder die Ankunft der Wildgänse ohne weite Anfahrt beobachtet werden. Nirgendwo sonst am Niederrhein kann so lange mit Blick auf den Rhein geradelt werden wie zwischen Haffen und Bislich.

Doch der Deich erfüllt noch einen ganz anderen Zweck: den Hochwasserschutz. Um diesen zu gewährleisten, wird die Trasse auf den neuesten Stand gebracht. Besonders große Bauarbeiten konnten Besucher in den vergangenen Jahren beobachten. Insgesamt 45 Kilometer der Hochwasserschutzlinie, bestehend aus Deichen und Mauern, hat der Deichverband Bislich-Landesgrenze für die Sanierungen vorgesehen. 27,5 Kilometer sind bereits fertig, 17,5 Kilometer fehlen noch.

"Vier Kilometer befinden sich momentan im Bau. Ein Großteil ist hiervon bereits fertig, Ende des Jahres wird dieser Teil abgeschlossen sein. Bei 2,5 Kilometern stehen wir kurz vor Baubeginn und für die restlichen elf Kilometer befinden wir uns noch in den Planungsarbeiten und warten auf Genehmigungen", berichtet Holger Friedrich, Geschäftsführer des Deichverbands Bislich-Landesgrenze.

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Damit die Baumaßnahmen überhaupt möglich wurden, mussten aber auch einige Gebäude weichen. So beispielsweise die Gaststätte "Stummer Deich", die ganz zu Anfang der Strecke Mehr-Bislich zu einer Erfrischungspause einlud. Das Gebäude wurde allerdings schon lange vor Baubeginn abgerissen. "Das Projekt Polder Lohrwardt ist landespolitisch gewollt. Wichtig war uns von Anfang an die Freiwilligkeit vor Ort. Am Anfang des Projekts stand deswegen erst einmal der Grunderwerb. Das war mit einigen Betroffenen früher möglich als mit anderen. Deshalb kann es sein, dass einige Gebäude früher als andere weichen mussten", erklärt Friedrich.

Einen tollen Fahrradweg auf den Deichen zu konzipieren, darum geht es dem Deichverband allerdings in erster Linie nicht. "Aus Hochwasserschutzpunkten ist das nicht wichtig. Grundsätzlich haben wir aber nichts dagegen, dass dort Fahrrad gefahren wird, das mache ich ja selbst gerne. Es müssen sich nur alle an gewisse Spielregeln halten", so Friedrich. Denn zur Erhaltung der Deiche sind bestimmte Pflegemaßnahmen nötig. Einen wichtigen Beitrag leisten dazu grasende Schafe. Für diese sind freilaufende Hunde ein großer Stressfaktor. "Die Schäfer sagen zurecht, dass sie so nicht arbeiten können. Deshalb appellieren wir an die Hundebesitzer, ihre Hunde an der Leine zu lassen." Dazu wird im Frühjahr auch eine Kampagne mit Hinweisschildern an betroffenen Stellen starten.

Doch dass die Deiche viel mehr sind als ein technisches Bauwerk, das weiß auch Holger Friedrich: "Ein Leben ohne Deiche gibt es am Niederrhein nicht. Seit über 600 Jahren gibt es Deichverbände. Wir schaffen aus einer Naturlandschaft eine Kulturlandschaft und überall, wo der Mensch Kultur erschafft, ist Heimat." Und genau das spüren die Radfahrer und Spaziergänger auch, wenn sie die Urlaubsatmosphäre genießen, den Störchen in Bislich beim Brüten zusehen und beim Schild "Ein kleines Viertelstündchen" auf der Bank eine Pause einlegen, um so dem Alltag wenigstens für ein paar Minuten entfliehen zu können.

(jule)