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Wahlen Rees: Früher machten zwei Familien unter sich aus, wer Reesereyland regierte

Kommunalwahl in früheren Zeiten : Wo kein Wahlkampf nötig war

Bis 1969 war Reesereyland die kleinste eigenständige Gemeinde Deutschlands. Zwei Bauernfamilien machten ohne viel Tamtam unter sich aus, wer Bürgermeister werden oder bleiben sollte.

Der kommunale Wahlkampf hat begonnen, überall in Rees und den Ortsteilen lächeln Politiker und Parolen von den Plakaten. Speziell Bürgermeister Christoph Gerwers und seine beiden Herausforderer, Bodo Wißen und Clemens Willing, sind derzeit allgegenwärtig.

Bis vor circa 60 Jahren gab es im heutigen Stadtgebiet ein winziges Fleckchen, auf dem überhaupt kein Wahlkampf nötig war. Denn in Reesereyland, bis 1969 die kleinste eigenständige Gemeinde Deutschlands, machten zwei Bauernfamilien ohne viel Tamtam unter sich aus, wer Bürgermeister werden oder bleiben sollte.

Im Reeser Stadtarchiv zeugt ein alter Zeitungsbericht, erschienen am 27. April 1968, von diesem bundesweiten Kuriosum: „Seit 1937 ist Erich van Straaten bereits Regierungschef der Supermini-Gemeinde“, heißt es in dem Text, der auch die politische Konstellation im Ort erklärt: „Der 70-jährige Erich van Straaten, der FDP-Mitglied ist, hat immer nur einen Gegenkandidaten: seinen ebenfalls 70-jährigen Nachbarn Josef Otten (CDU), den Ältesten der zweiten Familie von Reesereyland.“

Die Gesamtbevölkerung umschreibt der Bericht mit 16 Menschen, einschließlich acht nicht-wahlberechtigter Kinder, sowie 70 Kühen, 20 Schafen und zehn Schweinen. Sowohl in der Familie van Straaten als auch in der Familie Otten enthielt sich je ein Familienmitglied der Stimme: „Die sind politisch nicht interessiert“, erklärte Erich van Straaten dem Journalisten. Da die Familie van Straaten aber größer war als die Familie Otten, stellte alle Jahre wieder die FDP den Bürgermeister. Der CDU-Gegner wurde immerhin stellvertretender Bürgermeister.

Der Zeitungsbericht beschreibt Reesereyland als Oase des Friedens: „Die kleinste Gemeinde Deutschlands liegt 1200 Meter abseits der Landstraße. Noch weiter entfernt ist Reesereyland von der Hektik unserer Zeit, beinahe liegt es schon jenseits von Gut und Böse.“ Unter seiner politischen Führung, erklärte Erich van Straaten, habe es nicht mal einen Eierdieb gegeben.

Der Bürgermeister gab weiter zu Protokoll, dass seine Gemeinde bereits seit 1850 als selbstständige Verwaltung geführt wurde. Zwei Pachthöfe – der eine gehörte dem Grafen von Spee, der andere dem Freiherrn von Diergardt – hätten seit dieser Zeit 18 Meter erhöht am Ufer des Rheins gestanden. Fleißige Bauern beackerten mehr als anderthalb Jahrhunderte lang den fruchtbaren Boden zwischen Rhein und Altrhein und züchteten Vieh.

Gerüchte, der Bürgermeister treffe Regierungsentscheidungen in seinem Wohnzimmer und im Selbstgespräch, wies Erich van Straaten vehement zurück: „Das ist Quatsch, der Josef Otten muss immer mitentscheiden.“

So sei es auch 1960 gewesen, als in Reesereyland die schmale Zufahrt zur Landstraße gebaut werden sollte, wobei es sich um die wohl weitreichendste Infrastrukturmaßnahme in der Geschichte des Zwei-Bauernhof-Ortes handelte. Kurz vor dem Erscheinen des Zeitungsberichts hatten die paar Einwohner an einer Volksabstimmung teilgenommen und sich dabei einmütig für den Anschluss ihrer 4,1 Quadratkilometer kleinen Gemeinde an die Stadt Rees entschieden.

Am 1. Juli 1969 wurde Reesereyland durch das Gesetz zur Neugliederung von Gemeinden des Landkreises Rees in die Stadt Rees eingegliedert. Erich van Straaten legte am Vortag sein Bürgermeisteramt nieder, am 30. April 1971 starb er.

In der Folgezeit wurden beide Bauernhöfe abgerissen, 1992 wurde das unbewohnte Altrheinland als Naturschutzgebiet ausgewiesen. „Dem Naturliebhaber offenbart sich bei genauem Hinsehen und mit etwas Geduld und Glück ein Lebensraum voller botanischer und zoologischer Schätze“, heißt es in einem Internetbericht über Reesereyland.