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Vor 50 Jahren schuf Ulrich Henn beeindruckendes Portal der Reeser Pfarrkirche

Reeser Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt : Eine 15 Tonnen schwere Bildergeschichte

Vor 50 Jahren schuf der „Bronze-Prediger“ Ulrich Henn das Portal der Reeser Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt. Sie ist bis heute immer noch ein Phänomen, das viele Blicke auf sich zieht.

Das Corona-Virus schafft, was selbst der Zweite Weltkrieg nicht geschafft hat: Die Ostergottesdienste der katholischen Pfarrgemeinde in Rees müssen ausfallen. Blättert man den Kalender um 75 Jahre zurück, bis zum Osterfest im April 1945, also wenige Wochen nach der totalen Zerstörung der Rheinstadt, dann wird der unbedingte Wille der Gläubigen deutlich, gemeinsam eine Messe zu feiern. „Am 1. Ostertage findet sich ein verlorenes Häuflein zum Dankgottesdienst in den Fabrikräumen der Firma Oldenkott“, heißt es im Rees-Calendarium des verstorbenen Stadtarchivars Hermann Terlinden. „Später wird die Schreinerei der Firma Vennemann als Kirchenraum benutzt; im Sommer erfolgt die Übersiedlung zum Saale Holzum, derselbe wird als Notkirche eingerichtet.“

Zwar lautet ein Eintrag vom 16. Dezember 1951: „Pfarrgemeinde feiert Einzug in die wiedererstellte Pfarrkirche“, doch damit ist nur ein erstes Provisorium inmitten einer ausgebombten und ausgebrannten Innenstadt gemeint. Während die evangelische Pfarrgemeinde bereits 1954 ihre wiedererbaute Kirche nutzen konnte, sollte die vollständige Fertigstellung von St. Mariä Himmelfahrt noch bis 1970 dauern.

Einen besonderen Schlusspunkt setzte der Einbau des Bronzeportals vor 50 Jahren. Zwei gewaltige Türen, jeweils 4,30 Meter hoch und 1,40 Meter breit, zusammen 15 Tonnen schwer und 65.000 D-Mark teuer, lassen seither jeden Kirchenbesucher in Ehrfurcht erstarren. Im Innern von 28 großen Bronzeringen erzählt das imposante Portal die biblische Geschichte von Jesu Geburt im Stall zu Bethlehem bis hin zum Tod am Kreuz und schließlich von seiner Auferstehung zu Ostern.

Die erste Reihe (links) zeigt von oben nach unten: Verkündigung des Erzengels Gabriel, Geburt Jesu, Verkündigung an die Hirten, die Sterndeuter aus dem Osten, Flucht nach Ägypten und Kindermord in Bethlehem. Die zweite Reihe zeigt von oben: Einzug in Jerusalem, letztes Abendmahl, Fußwaschung, Jesus am Ölberg, Verrat des Judas, Verleugnung und Reue des Petrus. Die dritte Reihe zeigt von oben: Verurteilung durch Pilatus, Geißelung, Verspottung, Abnahme des Kreuzes, Tod am Kreuz, Engel am leeren Grab, Thomas und Christus. Die vierte Reihe (rechts) zeigt von oben nach unten: Taufe Jesu durch Johannes, Weinwunder in Kana, Auferweckung des Lazarus, Brotvermehrung, Heilung des Blinden, Heilung des Gelähmten, Jesus und die Samariterin am Jakobsbrunnen.

An den Mann, der dieses sakrale Kunstwerk schuf, hat Magda Dresen nur die besten Erinnerungen „Ulrich Henn wohnte in unserem Hotel und musste morgens nur wenige Meter bis zur Kirche laufen. Er hat jeden einzelnen Arbeitsschritt genau überwacht und war ein sehr angenehmer Gast und Gesprächspartner.“

Im Heimatkalender für den Kreis Rees erklärte 1973 der damalige Pfarrer Fritz Dyckmans, wieso die Wahl auf Ulrich Henn gefallen war: „Seine Kunst hatte er in so mancher bedeutenden Kirche im süddeutschen Raum, am Rhein von Worms bis hinauf nach Köln unter Beweis gestellt.“ Verkündigung der frohen Botschaft sollte das Thema sein. Das ergab sich aus all den Überlegungen, die über die Aussage des Portals angestellt worden waren. Dem Künstler war dazu die Auflage gemacht worden, es sollte lichtdurchlässig, jedoch undurchsichtig sein. Denn der Zugang zum Kircheninnern geht durch einen Windfang und eine weitere Vorhalle, die beide keine direkte Erhellung durch das Licht erhalten. So wählte Henn 28 offene Ovale, in denen die Darstellungen frei vor einer massiven Glasplatte stehen.Um das Portal zu finanzieren, hatte Pfarrer Dyckmans zu einer Spendenaktion aufgerufen: Reeser Bürgerinnen und Bürger übernahmen dadurch quasi Patenschaften für die 28 Darstellungen.

Nur wenige Reeser sind sich bewusst, welches internationale Ansehen der Erschaffer des hiesigen Portals schon zu Lebzeiten genoss. Ulrich Henns Kirchenportale sind nicht nur in Rees und 26 weiteren deutschen Städten zu finden, sondern zieren auch neun Kirchen in Österreich und den USA: 1978 bis 1987 gestaltete er drei Doppelportale für die National Cathedral in der Hauptstadt Washington. 1997 bis 2003 schuf er auch das Zeremonienportal, zwei Seitentüren und einen Tabernakel für die St.-James-Cathedral in Seattle. Im Jahr 2000 erhielt Ulrich Henn das Bundesverdienstkreuz „für seine besonderen Verdienste um die Verbesserung des Ansehens der Bundesrepublik Deutschland im Ausland“.

Mit 17 Jahren machte der Sohn eines Domänenpächters das „Notabitur“ und wurde zum Militärdienst eingezogen. In Italien geriet er in Kriegsgefangenschaft und nutzte die Zeit im Lager von Neapel, um mit Rasierklingen aus Munitionskisten Weihnachtskrippen zu schnitzen. Dies sei eine „Vorstufe seiner Kunst“ gewesen, erklärte der frühere Haller Dekan Paul Dieterich. im Jahr 2008 bei der Eröffnung der Ausstellung „Ulrich Henn – Bronzearbeiten“ im Hällisch-Fränkischen Museum

Nach einem Arbeitsunfall, bei dem sich Ulrich Henn 1958 die Strecksehne des linken Daumens durchtrennte, stellte er seine Arbeitsweise um und modellierte fortan aus Wachs Kunstwerke, die später in Bronze gegossen wurden. „Er nimmt dem Material Bronze in seinen Werken die Schwere und schafft zugleich eine eindringliche Konzentration“, schrieb die „Südwest Presse“ 2014 in einem Nachruf auf Ulrich Henn, der bis zuletzt in seinem Atelier in Leudersdorf aktiv war. Fachkreise gaben ihm schon früh den Beinamen „Bronze-Prediger“, weil seine Werke stets eine bildstarke Erzählkunst aufwiesen.

Ulrich Henns künstlerisches Erbe lebt nicht nur im Bronzeportal der Reeser Pfarrkirche weiter, sondern auch in vielen anderen Gotteshäusern und auf der Internetseite www.ulrichhenn.de, die von seinem Sohn, dem Stuttgarter Kunsthändler und Galeristen Andreas Henn, betrieben wird.

(Michael Scholten )