Emmerich: Tote nach Flucht vor Familie

Emmerich : Tote nach Flucht vor Familie

Ein deutsch-türkisches Geschwisterpaar ist seit gestern wegen fahrlässiger Tötung vor dem Klever Landgericht angeklagt. Zwei niederländische Motorradfahrer starben kurz vor der Rheinbrücke bei einer Verfolgungsjagd.

emmerich/kleve Große Aufmerksamkeit erregt der Prozess wegen fahrlässiger Tötung gegen zwei deutsch-türkische Geschwister vor dem Landgericht. Auf der Flucht vor ihrer Familie hatte sich die 22-jährige Angeklagte im September 2008 eine Verfolgungsjagd mit ihrem Bruder geliefert. Diese Hochgeschwindigkeitsjagd endete damit, dass der Bruder in dem verfolgenden Auto den flüchtenden Wagen streifte. Dieser geriet ins Schleudern und rammte bei Warbeyen zwei niederländische Motorradfahrer – beide waren sofort tot.

Viele Familienangehörige und Bekannte der beiden Toten waren gestern zum Auftakt der Verhandlung im Klever Landgericht gekommen. Und brachten die große Betroffenheit zum Ausdruck, die auch elf Monate nach dem tödlichen Unfall noch herrscht.

Tränen in den Augen

Betroffenheit herrscht auch bei der Angeklagten, die sich immer wieder Tränen aus den Augen wischen muss, während der Unfallhergang an Hand von Zeugenaussagen rekonstruiert wird. "Es war ein riesiges Trümmerfeld und Chaos, als wir eintrafen", sagt Polizeikommissar Martin Peters, der mit seinem Kollegen als erster am Unfallort eintraf. Die 22-Jährige und ihr ebenfalls angeklagter, ein Jahr jüngerer Bruder wollten sich nicht zu den Ereignissen äußern.

Kurz nach dem schrecklichen Unfall hatte sich die Deutsch-Türkin gegenüber der Polizei geäußert, warum sie so schnell unterwegs war. Nach einem Streit in der Familie habe sie von zu Hause weg gewollt – ihren Vater hatte sie in dieser Aussage als gewalttätig gegenüber der Familie beschrieben. Der Gedanke, zu ihrem kurdischen Freund – dem Auslöser des Streites in der yezidischen Familie – nach Hamburg zu flüchten, sei ihr erst später gekommen.

Die Motorradfahrer, die bei dem Unfall ihr Leben verloren, tragen selbst keine Schuld, dies belegten Zeugenaussagen. Danach fuhren sie versetzt mit etwa 70 Stundenkilometern, als "plötzlich das Auto auf uns zu geschlingert kam", sagt Franciscus Wolf, der dritte Motorradfahrer, der dem Unglück entgangen ist: "Ich sah erst, wie mein einer Freund und dann der andere gegen das Auto knallten", erzählt er und muss zwischenzeitlich ein Schluchzen unterdrücken. Die Angeklagte schüttelt immer wieder ungläubig den Kopf, während die Zeugen aussagen, kann nicht fassen, was passiert ist. Sie war nach dem Unfall auf eigenen Wunsch von der Polizei in einem Frauenhaus untergebracht worden. Den Beamten hatte sie erzählt, dass sie das Haus nur zur Arbeit verlassen durfte oder um Bekannte des Vaters zu besuchen, sonst habe sie im Haus zu sein. Sie erzählte auch von der Angst, die sie habe. Die sie bewogen hatte, vor ihrem Bruder derart rasant zu flüchten. Inzwischen wohnt sie wieder bei ihrer Familie. Zum Unfallhergang will sie sich nicht mehr äußern.

(RP)
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