Schiedsrichter im Kreis Rees-Bocholt

Fußball : Schiedsrichter schlagen Alarm

Übergriffe schrecken endgültig den Nachwuchs ab. Neue Regeln bedeuten die nächste Herausforderung.

Karl-Jörg de Jong muss kurz nachdenken. „Wahnsinn“, sagt er. Dies sei ihm spontan eingefallen, als er von der Jagd auf den Schiedsrichter durch Kicker des TuS Asterlagen im Spiel gegen den SV Büderich erfahren habe. Für den 40-jährigen stellt dies ein weiteres Hindernis dar, neue Unparteiische gewinnen zu können. Und damit ist der Beisitzer im Schiedsrichterausschuss des Kreises Rees/Bocholt, zuständig für die Gruppe Wesel, ebenso beschäftigt wie mit den neuen Regeln, die die Saison 2019/20 bringt (siehe Box). Auf die Schiedsrichter-Zunft kommt einiges zu, die Baustellen sind vielfältiger Natur. In den seltensten Fällen haben es die Spielleiter selbst zu verantworten.

Der Fall der Schiedsrichter-Hatz von Asterlagen bedeutet einen schweren Rückschlag in dem Bemühen, neue Anwärter zu rekrutieren. Dies sieht auf jeden Fall Karl-Jörg de Jong so. „Es wird doch immer schwieriger, jetzt noch Argumente für eine Schiedsrichter-Laufbahn zu finden“, sagt er. Schließlich will sich niemand während seines Hobbys beleidigen, bedrohen oder beschimpfen lassen. „Jetzt finden auch noch Übergriffe statt. Natürlich steht nicht bei jedem Spiel die Gefahr um die Ecke, aber Schiedsrichter sind nicht geschützt“, sagt de Jong.

Dass bei dem Anwärter-Lehrgang des Kreises Anfang des Jahres mehr als 50 Interessenten erschienen waren (neuer Rekord), dies ist für den langjährigen Unparteiischen – im Alter von 15 Jahren griff er erstmals zur Pfeife – eine Momentaufnahme. Für die gab es auch einen finanziellen Hintergrund: Der Fußballverband Niederrhein (FVN) hatte eine Verdopplung der Strafen für die Vereine angekündigt, die in Abhängigkeit zu den gemeldeten Mannschaften das Schiedsrichter-Soll nicht erfüllten. „20 der 50 Leute sind schon wieder weg“, weiß Karl-Jörg de Jong.

Damit liegt der Prozentsatz noch weit unter dem Üblichen, den hat der Beisitzer im Schiedsrichterausschuss allerdings auch nur für ein komplettes statt für ein halbes Jahr parat. „Da sind 80 Prozent schon wieder verschwunden.“ Der Trend nimmt also immer bedrohlichere Formen für einen geordneten Spielbetrieb an. Seit zwei Jahren müssen die Partien in der C- und B-Liga des Kreises Rees/Bocholt ausgetragen werden, auch wenn kein Unparteiischer angesetzt wird. Dann müssen sich die Teams auf einen Spielleiter aus ihren eigenen Reihen einigen.

So weit ist es im Kreis-Oberhaus noch nicht. Aber die sogenannte Kreisleistungsprüfung, der sich alle Referees ab der A-Liga jedes Jahr unterziehen müssen, förderte jetzt alarmierende Zahlen zu Tage. Nur etwa 25 Schiedsrichter stellten sich dem Test, sonst waren es 35 bis 40. „Das waren so wenige wie nie zuvor – sehr bedenklich. Es wird schwierig, einzelne Spieltage komplett zu besetzen“, befürchtet de Jong.

Doch der Nachwuchsmangel aufgrund der Vorkommnisse gegen Unparteiische (de Jong: „Die Chaoten drängen immer mehr in unseren Sport“) stellt wahrlich nicht das alleinige Problem dar. Auch die zur neuen Saison vorgenommenen Regeländerungen und der Umgang damit sorgen nicht gerade für Begeisterung bei de Jong. Vor allem befürchtet er einen höchst unterschiedlichen Informationsstand zwischen Schiedsrichtern auf der einen Seite sowie Trainern, Spielern und Offiziellen auf der anderen. „Wir werden geschult. Aber ich frage mich, wer schult Klubs und Akteure?“, so der Unparteiische. „Da gibt es doch das nächste Konfliktpotenzial.“

Ein ganz großes Thema könnte bis in den Kreisbereich hinein die Handspielregelung werden. Jedes mit der Hand erzielte Tor – auch wenn unabsichtlich – darf jetzt nicht mehr zählen. Über die Vergrößerung der Körperfläche durch die Hand wurde anhand von TV-Kameras zuletzt immer wieder kontrovers bei Elfmeterentscheidungen gestritten. „Das ist ein Aufregerthema und für uns Schiedsrichter wahnsinnig schwierig umzusetzen“, sagt Karl-Jörg de Jong. Zumal es ja auch keinerlei technische Hilfsmittel gibt.

„Allein diese Handspielregelung hat doch schon eine abschreckende Wirkung auf die Schiedsrichter-Neugewinnung“, meint der 40-Jährige. Für ihn ist Absicht ein Kriterium, „das die meiste Klarheit bringen würde“. Karl-Jörg de Jong befürchtet, dass die Handspielregel dazu führt, „dass wir noch mehr an den Pranger gestellt werden“.

Seinen Wunsch für die Zukunft beschreibt de Jong mit einem Wort: Respekt. Auch er weiß, dass Fußball durch seine Emotionen lebt. „Aber die Emotionen werden gebündelt immer mehr zur Aggression“, sagt der Unparteiische. Und die nehme ganz klar zu. Je mehr davon, um so weniger Schiedsrichter werde es in Zukunft geben. „Dabei wollen wir doch einfach nur unser Hobby ausführen können.“

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