Interview mit Jörg Gonschior (55): "Ich hatte einen tollen Abschluss"

Interview mit Jörg Gonschior (55) : "Ich hatte einen tollen Abschluss"

Fußball: Nach mehr als zwei Jahrzehnten auf der Trainerbank schaut der Coach auf seine Stationen, Höhepunkte und Enttäuschungen zurück. Als Zuschauer will er dem Hamminkelner SV treu bleiben - wenn nicht parallel Schalke spielt.

Hamminkeln Eigentlich hatte er sich das 50. Lebensjahr als Altersgrenze gesetzt. Doch dann fragte der Fußball-Bezirksligist Hamminkelner SV an und Jörg Gonschior wurde als Trainer "rückfällig". Mit nun 55 Jahren und damit mehr als zwei Jahrzehnten als Coach soll nun aber endgültig Schluss sein. Ralf Pollmann sprach mit dem Gindericher über Höhepunkte, Enttäuschungen und die Entwicklung des Fußballs auf Amateurebene während seiner langen Zeit als Übungsleiter.

Mit welchen Gefühlen sind Sie am vergangenen Sonntag zum Spiel des Hamminkelner SV gegen Sterkrade 06/07 gefahren?

Jörg Gonschior Ein komisches Gefühl war es schon, auch wenn ich lange Zeit die Möglichkeit hatte, mich darauf vorzubereiten. Vor dreieinhalb Jahren hatte ich schon einmal versucht aufzuhören, aber dann klopfte ja der Hamminkelner SV an. Aber ich denke, dass die Zeit jetzt wirklich für mich gekommen ist. Die Trainer-Laufbahn ist ein Abschnitt in meinem Leben, den ich jetzt versuche zu beenden. Ich möchte das so ein bisschen mit einem Raucher vergleichen, der sich immer wieder zu Silvester vornimmt aufzuhören.

Bei James Bond hieß es einst "Sag niemals nie". Ist Ihr Abschied vom Trainerjob tatsächlich endgültig?

Gonschior Man weiß nie, was passiert. Doch mein fester Wille ist es, dass ich mich zurückziehe. Ausschließen möchte ich aber nicht, dass ich noch einmal einsteige. Dann aber nur, wenn ein hiesiger Verein mit einem guten, vielversprechenden Jahrgang auf mich zukommt - wie damals Walter Kinder beim Hamminkelner SV.

Gab es denn am Sonntag beim Blick auf das Geschehen auf dem Rasen schon ein wenig Abstand?

Gonschior Den hatte ich es auf jeden Fall. Das ist aber auch meiner beruflichen Situation geschuldet, weshalb ich ja schon vor vier Wochen die Aufgaben an meinen Co-Trainer Jonas Kinder weitergegeben hatte. Durch den bereits länger feststehenden Klassenerhalt waren wir alle auch gelassener. Der Sieg war für mich ein toller Abschluss.

Mehr als 20 Jahre Trainer, was war in der Zeit ihr persönliches Highlight?

Gonschior Ich bin aus der Jugend des PSV hervorgegangen und habe dort fünf Jahre als Trainer gearbeitet, die schönsten Jahre waren für mich jedoch die drei zwischen 2005 und 2008 beim Hamminkelner SV. Das war eine tolle Zeit. Ich habe damals fast einen kompletten A-Jugend-Jahrgang in den Seniorenbereich übernehmen können. Zu sehen, wie dieses Team zusammenwächst und sich entwickelt, das war ein Highlight und ganz tolles Erlebnis. Da hat vieles, wenn nicht sogar alles gestimmt. In den Jahren sind wir dann auch von der B-Liga in die Bezirksliga aufgestiegen.

Und Ihre größte Enttäuschung?

Gonschior In der Saison 2010/11 bin ich ja nicht freiwillig von BW Dingden gegangen. Die Handlung des Vereins konnte ich schon nachvollziehen, ich war enttäuscht über die Entwicklung selber. Enttäuscht darüber, dass wir die Tabellensituation nicht in den Griff bekommen haben. Bis dahin war mir eigentlich immer alles gelungen.

Zweimal SV Ginderich, PSV Wesel und Hamminkelner SV sowie einmal GW Lankern und BW Dingden - aus dem Kreis Wesel sind Sie nie hinausgekommen. Fehlten die Angebote oder war das so gewollt?

Gonschior Das war so gewollt, ich habe das bewusst so eng bei Wesel gehalten. Um in Oberhausen einen Bezirksligisten zu trainieren, dafür war mir der Aufwand zu groß. Ich habe einen anspruchsvollen Job, den ich mit Familie und Hobby unter einen Hut bringen wollte. Ich war ja selbst nur Bezirksliga-Spieler, vor höherklassigen Aufgaben hatte ich viel zu großen Respekt und war auch nicht so ambitioniert. Für mich war immer die Maßgabe: Schuster bleib bei deinen Leisten.

Oft wird gesagt, die heutige Spielergeneration sei schwieriger als früher. Sehen Sie dies auch so?

Gonschior Das ist auf jeden Fall so. Es fehlen so alte Tugenden wie Fleiß und Beflissenheit. Heutzutage möchten etliche nicht mehr viel ins Training investieren, sondern nur die angenehmen Seiten des Fußballs mitnehmen. Die Freizeitmöglichkeiten sind auch viel größer, da bleibt der Fußball auf der Strecke. In Hamminkeln ist beispielsweise auch die Gier nach Erfolgen nicht mehr so vorhanden.

Hat sich der Fußball auf Amateurebene in Ihrer Zeit als Trainer zum Positiven oder Negativen entwickelt?

Gonschior Eindeutig zum Positiven. Die Verbände haben viel in Sachen Trainer-Ausbildung investiert. Es wird vermehrt im taktischen Bereich gearbeitet. Der Fußball hat sich verändert und ist auch hochinteressant vor Ort geworden. Die berühmte Schere zum Profi-Fußball ist nicht größer geworden.

Die künftigen Sonntagnachmittage werden jetzt aber sehr ungewohnt für Sie sein...

Gonschior Weil ich die Qual der Wahl habe. Wenn der Hamminkelner SV zu Hause spielt, dann werde ich tendenziell dort auflaufen. Natürlich nur dann, wenn nicht gleichzeitig Schalke 04 ein Heimspiel hat. Ansonsten kann ich mir nun andere interessante Partien ansehen oder die Zeit mit meiner Familie nutzen. Wie gesagt: Ich habe die Qual der Wahl.

(RP)
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