Frederike Koleiski (29): "Es ist noch alles ziemlich unwirklich"

Frederike Koleiski (29) : "Es ist noch alles ziemlich unwirklich"

Bei den anstehenden Paralympics in Rio de Janeiro wird die Weselerin Frederike Koleiski im Diskuswurf an den Start gehen. Die Vorfreude auf den Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn ist riesig. Ein Ziel für den Wettbewerb setzt sie sich nicht.

Wesel Die Bronzemedaille im Kugelstoßen bei der Weltmeisterschaft in Doha - das war der bisherige sportliche Höhepunkt von Frederike Koleiski bei den Behindertensportlern. Doch für die Weselerin, die einst beim WTV als hoffnungsvolles Talent galt und nun für Eintracht Duisburg startet, steht das ultimative Highlight erst jetzt bevor. Die 29-Jährige hat sich mit dem Diskus für die vom 7. bis 18. September in Rio de Janeiro stattfindenden Paralympics qualifiziert.

Im Jahr 2009 hatte für Koleiski eine Leidenszeit begonnen, die als Diagnose letztlich eine Autoimmunerkrankung der Nervenwurzeln (Polyneuropathie) der Brustwirbelsäule brachte. Koleiski ist halbseitig querschnittgelähmt, einige Nerven von Organen können nicht angesteuert werden. Der rechte Fuß ist gelähmt. Sie kann nur mit einer Schiene laufen, die das Bein stützt. Die Muskulatur ist in vielen Körperbereichen erschlafft. Ende 2014 kehrte sie als Behindertensportlerin in die Leichtathletik zurück. Ralf Pollmann sprach mit Frederike Koleiski vor ihrem Flug am heutigen Mittwoch nach Brasilien.

Wie groß ist Ihre Vorfreude auf die Paralympics?

Frederike Koleiski Die Vorfreude auf die bevorstehenden Paralympics ist sehr groß. Es ist noch alles ziemlich unwirklich und somit nicht greifbar. Realisieren werde ich das wohl erst, wenn der Flieger in Frankfurt startet. Ich bin sehr gespannt auf die Atmosphäre, die das olympische Dorf und die Wettkampfstätten ausstrahlen.

Seit wann stecken Sie in der heißen Phase der Vorbereitung für Rio?

Koleiski Seit ungefähr anderthalb Monaten befinde ich mich in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung. Der letzte Wettbewerb war am 19. August in Hachenburg. Dieser Abschlusswettkampf der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft verlief nicht ganz nach meinen Vorstellungen. Allerdings hatte ich im Trainingslager in Kienbaum zuvor meine Technik umgestellt und diesen Wettkampf erstmalig mit Drehung bestritten. Im Normalfall bringt das einige Meter mehr. Ich werde jetzt auch immer sicherer und werde in Rio auch aus der Drehung werfen.

Bis zum 21. August liefen die Olympischen Spiele für Athleten ohne Behinderung in Rio. Haben Sie noch intensiver zugeschaut, da Sie nun selbst nach Brasilien reisen oder haben Sie die Wettkämpfe eher kalt gelassen?

Koleiski Bei diesen olympischen Spielen habe ich versucht, fast jeden Wettkampf zu verfolgen, selbst das Training per Livestream. Bei den leichtathletischen Wettkämpfen habe ich durchaus genauer hingeschaut, um mir bewusst zu werden, wo ich starte. Im Hinterkopf gab es die leise Stimme - da bist du bald.

Ihre eigentliche Disziplin ist das Kugelstoßen, das aber bei den Paralympics nicht angeboten wird. Stattdessen starten Sie mit dem Diskus. Lag in diesem Jahr der Fokus mit Blick auf Rio deshalb ausschließlich auf den Diskus?

Koleiski Ja, in dieser Saison lag das Hauptaugenmerk auf den Diskus. Gerne hätte ich zwischendurch ein bisschen gestoßen, um einen Ausgleich zu haben. Im Januar wurde ich aber am Ellenbogen operiert, da ich eine Verletzung aus Doha mitgebracht hatte. Die Ausstoßbewegung beim Kugelstoßen wäre für die Genesung hinderlich gewesen.

Was rechnen Sie sich bei den Paralympics aus, liegt eine Medaille im Bereich des Möglichen?

Koleiski Das Feld im Diskuswurf rückt näher zusammen, was gut ist für die Wettkämpfe, da sie spannender werden. Derzeit liege ich auf dem vierten Platz der Weltrangliste, nur zehn Zentimeter hinter der Dritten. Acht Meter sind es dann aber zu der Besten und Zweitbesten. Dies sind zwei Chinesinnen, die meiner Meinung nach falsch klassifiziert sind. Ich versuche meine Bestleistung zu steigern und somit das Bestmögliche aus mir herauszuholen. Und vielleicht klappt es.

Nach derzeitigem Stand sind russische Athleten wegen des Staatsdopings nicht dabei. Erhöht das die eigenen Medaillenchancen?

Koleiski Bei mir in der Startklasse gibt es keine russischen Athletinnen.

Trotzdem: Wie bewerten Sie den Ausschluss russischer Behindertensportler von den Paralympics in Rio de Janeiro?

Koleiski Ich begrüße die Entscheidung des Sportgerichtshofs. Es ist an der Zeit, dass durchgegriffen werden muss und dies ist ein Schritt in die richtige Richtung. Der Sport hat im Laufe der Zeit sehr viel Schaden genommen und es wird sehr lange Zeit dauern, bis er sich erholt hat - zum Leidwesen der Sportler.

Die Teilnahme an den Paralympics ist der Höhepunkt Ihrer bisherigen Karriere als Behindertensportlerin. Bilden die Paralympics von Rio auch den Abschluss Ihrer Laufbahn oder setzen Sie sich nach der Zeit in Brasilien weitere sportliche Ziele für die Zukunft?

Koleiski Die paralympischen Spiele sind mein Höhepunkt. In den nächsten Jahren geht es aber weiter. Ein Ziel ist ganz klar Tokio 2020. Ich hatte nach den schweren Rückschlägen nicht mehr an so einen Wandel geglaubt. Ich werde so lange weiter machen, wie es mein Körper zu lässt.

Wie sollten die Paralympics in Rio verlaufen, damit Sie sagen können: Das war für mich optimal und ein herausragendes Erlebnis. Auch über den eigenen sportlichen Erfolg hinaus.

Koleiski Ich möchte zufrieden aus dem Wettkampf gehen und mir selbst nicht vorwerfen müssen, ich hätte nicht alles versucht. Ansonsten wünsche ich mir, viel von den anderen Sportarten erleben zu können. Ich möchte einfach viele Eindrücke mitnehmen und behalten. Ich glaube, das wird ein unfassbares Ereignis.

(RP)