Handball: Eine Familie zwischen den Pfosten

Handball : Eine Familie zwischen den Pfosten

Handball: Sohn Sören, Vater Michael und Opa Werner Hillig teilen eine gemeinsame Leidenschaft.

Wenn Sören Hillig für die HSG Hiesfeld/Aldenrade zwischen den Pfosten steht, sitzen seine schärfsten Kritiker auf der Tribüne: Oma Gerda, Opa Werner, Mutter Stefanie und Vater Michael. Sie alle eint die Leidenschaft für den Handball. Und sie alle waren selbst Keeper. Kein leichtes Erbe – zumal mit Tante Nicole ein weiteres Familienmitglied erfolgreich den Kasten hütete. Aber wie kam es dazu, dass gleich sechs Hilligs im Handball-Tor landeten?

Alles beginnt Ende der 1950er-Jahre mit Opa Werner. Sein Lehrer an der Realschule entdeckt das Talent des heute 73-Jährigen. „Der hat sich seine Leute da schon rausgepickt“, erinnert sich Werner. Mit zwölf Jahren schließt er sich der C-Jugend des MTV Rheinwacht Dinslaken an, spielt bis 1978 mit der ersten Mannschaft in der zweithöchsten Liga. „Handball war damals das Thema Nummer eins in unserem Kreis“, erzählt Werner.

Seine persönliche Nummer eins lernt der Torwart durch einen glücklichen Zufall kennen. „Ich habe Gerda beim Polterabend eines Handballkollegen getroffen.“ Die beiden verlieben sich und werden ein Paar. Anderthalb Jahre später kommt Sohn Michael zur Welt. Werners Frau hört mit dem Handball auf, besucht mit ihrem Sohn fast jedes Spiel des Familienvaters. „Schon als kleiner Junge bin ich mitgegangen und habe die Stimmung in Dinslaken hautnah miterlebt“, sagt Michael.

Der heute 49-Jährige kann es als Kind kaum erwarten, selbst auf dem Platz zu stehen. Bereits als E-Junior steigt er in der D-Jugend des MTV Dinslaken ein. Viele Diskussionen um seine Position gibt es nicht. „Ich hatte nicht wirklich eine Wahl“, scherzt Michael. „Da war der Nachname Programm.“ An sein erstes Spiel gegen den TV Biefang hat er keine guten Erinnerungen. „Das haben wir 1:26 verloren.“ Trotzdem macht Michael weiter, wechselt in der A-Jugend zur HSG Wesel (damals Weseler SV) und avanciert bei den Senioren zum Stammtorhüter. Im Laufe der Jahre ist er zudem als Torwarttrainer und Geschäftsführer tätig.

Auch Sohn Sören spielt bis zur B-Jugend bei der HSG Wesel, probiert sich das ein oder andere Mal auch auf anderen Positionen aus. „Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass ich, wenn ich so weitermache, wohl nicht so viele Partien bestreiten werde.“ Sören hütet fortan das Tor, wächst zu einem ambitionierten Handball-Schlussmann heran. Bei der HSG Hiesfeld/Aldenrade hat es der A-Jugendliche bereits in den Oberliga-Kader der Senioren geschafft. „Ich habe Anfang der Saison in der Zweiten gespielt und bin dann ziemlich schnell in die Erste gewechselt“, sagt der 18-Jährige.

Alleine ist Sören bei seinen Spielen fast nie. „Da sitzen dann vier Fachkundige auf der Tribüne. Und wenn Mama und Papa dabei sind, hagelt es auch mal Kritik.“ In der Regel seien die Verbesserungsvorschläge aber berechtigt, gesteht Sören. „Du kennst es doch auch gar nicht anders“, scherzt Michael. Nur eine sei immer gut gelaunt: „Oma Gerda. Die guckt in Ruhe das Spiel und die anderen drei analysieren“, so Sören.

Aber wieso konnte sich niemand in der Familie als Feldspieler durchsetzen? „Es heißt ja, die Hilligs sind alle zu lauffaul“, sagt Opa Werner augenzwinkernd. „Mit der Laufstärke ist es bei Sören auf jeden Fall ausgeprägter als bei uns beiden“, so Michael. Ein weiterer Grund sei jedoch, dass sich von den Mitspielern kaum einer freiwillig ins Tor gestellt hat. „In der A-Jugend kommen die Bälle mit bis zu 90 km/h geflogen. Bei den Profis werden auch mal Geschwindigkeiten von bis zu 120 km/h erreicht“, erklärt Sören.

Da muss man schon ein bisschen wahnsinnig sein – und einstecken können. „Natürlich kommt es mal vor, dass man eine blutige Nase hat oder sich einen Finger auskugelt“, sagt Vater Michael. „Aber dann renkst du den halt wieder ein.“ Fast jeder in der Familie habe sich bereits einen Kreuzbandriss zugezogen. „Meine Frau hat auch schon ein neues Knie“, so Michael. Nur Sören blieb bis jetzt von schlimmeren Verletzungen verschont. „Er ist noch kein vollwertiges Familienmitglied“, schmunzelt Michael.

Für Sören besitzt Handball aktuell Priorität. An Wochenenden hütet der Schüler erst für die A-Jugend und anschließend bei den Senioren das Tor.

Gedanken an eine eigene Familie hat er noch nicht. Wohl aber eine Vermutung, für welche Sportart sich seine Kinder entscheiden könnten. „Vermutlich für Handball“, sagt Sören. „Ich wäre aber auch nicht böse, wenn das Torhüter-Gen nicht fortgeführt wird.“ Die Chancen dafür stehen allerdings schlecht.