Sänger Thees Uhlmann spricht über die Toten Hosen und das Haldern Pop

Sänger tritt beim Haldern Pop auf : „Die Toten Hosen sind niemandem egal“

Der Sänger Thees Uhlmann hat ein Buch über seine Musikerfreunde geschrieben. Ein Gespräch in der Haldern-Pop-Bar über Haldern und Hemmoor und die Hosen.

Sie sind Musiker und Autor und haben ein Buch über die Toten Hosen geschrieben. Die Band war nicht immer so angesagt wie jetzt gerade. Gab es Momente, in denen sich Thees Uhlmann von den Toten Hosen distanzieren musste?

Uhlmann Distanzieren muss man sich von so etwas überhaupt nicht. Ich habe zwar eine Zeit lang wie besessen kruden Independent-Rock aus Amerika gehört, da hatte man die Toten Hosen nicht in seiner Plattensammlung. Es gab auch drei bis vier Jahren, in denen ich die Hosen-Platten nicht sofort nach der Veröffentlichung gehört habe. Aber es hat mir Spaß gebracht, die Hosen immer zu mögen, weil die Leute es wie eine Medaille vor sich hergetragen haben, wie blöd sie die Toten Hosen fanden.  Da habe ich immer gedacht: Das gehört sich nicht. Ich finde so etwas zutiefst peinlich.

Wo kommt die Bewunderung her?

Uhlmann Die Toten Hosen habe ich schon bewundert, als die noch gar nicht so öffentlich auf dem Radar waren und habe immer wieder in meinem Leben die Wichtigkeit dieser Band entdeckt. Ich war nie ein Mensch der Häme, stattdessen ein Typ, der Sachen eher gut findet und verteidigt, als auf einen grölenden Zug des Niedermachens aufzuspringen.

Je mehr andere draufhauen, desto mehr stellt sich Thees Uhlmann vor eine Sache?

Uhlmann Wenn in einer Turnhalle 120 Mann auf der einen Seite standen und nur einer in der anderen, ist Thees in die andere gegangen.

Sie haben auch mal in Köln gewohnt, in den Neunzigern während des Studiums. Kannten Sie die Hosen aus dieser Zeit persönlich?

Uhlmann Damals überhaupt nicht. Ich hatte aber damals tolle Freunde in Düsseldorf-Garath, die habe ich über die Punkszene kennengelernt. Im Geschwister-Scholl-Haus in Neuss habe ich damals Wochenenden verbracht, ohne die würde es mich gar nicht geben. Allerdings ist da in dieser Zeit nie jemand von den Toten Hosen aufgetaucht. Ich bin übrigens immer mit dem Zug von Köln über Düsseldorf nach Neuss gefahren in der Studienzeit. Viel zu spät habe ich erfahren, dass es eine Verbindung direkt von Köln nach Neuss über Dormagen gibt.

Sie schreiben mit Ihrem Buch ja keine Reportage über das Leben mit den Hosen, es sind eher kleine Skizzen, Momentaufnahmen.

Uhlmann Ich habe das Buch nicht aus dem Reflex heraus geschrieben, um zu demonstrieren, wie gut ich die Band persönlich kenne. Mir ging es darum, aufzuschreiben, welche Sachen ich durch die, mit denen und wegen denen  erlebt habe. Man erinnert sich dann an Momente wie den, das erste Mal die Hosen zu Hause zu hören und dann meine Mutter, die mich erschrocken fragt: Was ist das denn?

Wie erklären Sie es Ihrer Mutter heute, welche Wertigkeit hat diese Band?

Uhlmann Man ist mit den Toten Hosen aufgewachsen, wenn man zwischen 1970 und 1980 geboren wurde. Auch wenn man sie Kacke fand, man hat auf jeden Fall eine Meinung dazu. Es gibt keinen, der sagt: „Die Toten Hosen sind mir egal.“ Was aus denen geworden ist: Phänomenal. Das geht so weit, dass die Band mit „Tage wie diesen“ einen Song geschrieben hat, der so groß geworden ist, dass er die Band verließ.

Es gibt manche solcher Lieder. Niemand ist früher vom Schützenfest weggegangen, ohne dass „Eisgekühlter Bommerlunder“ lief.

Uhlmann Genau solche Momente wollte ich zu Papier bringen. Ich habe Campino und der Band dann gesagt, dass ich dieses Buch schreiben will, es aber ihnen vorher einmal zuschicke – und wenn sie das nicht gut fänden, dann würde ich die Druckerpresse anhalten, habe ich  versprochen. Meine Freundschaft zu den Toten Hosen ist mir auf jeden Fall mehr Wert als das Buch.

 Sie sind nun mit dem Buch auf Tour. Die Lesung in der Halderner Pop Bar war sozusagen Generalprobe. Warum der Auftakt hier am Niederrhein?

Uhlmann Eine Generalprobe gibt es ja nicht wirklich, aber wenn man in Haldern versagt, dann bekommen es nicht so viele Leute mit. Mein Debüt „Sophia, der Tod und ich“ habe ich auch hier das erste Mal gelesen. Da musste es diesmal auch so sein. Das ist fast was Religiöses. Ich liebe den Laden hier, die Leute sind toll, wo soll ich denn dann sonst hin? Ich weiß auch immer nicht, was ich machen soll, wenn ich frei habe. Dann gehe ich lieber auf Lesetour. Es geht ums Auftreten, es geht um das Kunstmachen, und übrigens nicht ums Essen. Der Rock’n’Roll wurde ja nicht für das Catering erfunden.

Sie spielen 2020 wieder beim Haldern Pop. Es gibt eine feste Verbindung ihres Labels Grand Hotel van Cleef zum Festival.

Uhlmann Mir gefällt, wie man hier die Kunst behandelt, wie echt sie hier noch sein darf. Rock‘n‘Roll als Kunstform. Wir sagen den Zuschauern: „Ihr könnt das gut finden, was wir machen, oder nicht.“ Wir werden aber nicht dem Publikum befehlen, sich hinzusetzen, uns den Weg zu bahnen, und dann feuern wir in der Mitte eine riesige Konfettikanone ab. Mir wäre das peinlich.

Haldern ist ein Dorf, Thees Uhlmann kommt ebenfalls aus einem Dorf namens Hemmoor.

Uhlmann Da hinten (zeigt an die Wand), wo heute Nacht unser Hotel ist, das sieht da aus wie Hemmoor. Und zwar nicht zu 60 oder 70 Prozent, sondern zu 95 Prozent. Die Vorstellung, dass es in Hemmoor solche Freaks gegeben hätte, die ein Festival auf die Beine gestellt hätten, das ist mir von da her schon sehr nah am Herzen. Ich weiß, dass wir hier beim Haldern Festival Musik für unseresgleichen machen können. Die Leute gehen zu diesem Festival, weil die sich für Musik interessieren. Das ist ein Gefühl, das meiner Meinung nach bei Festivals weniger wird, weil es sehr viel um Abbildbarkeit von Events geht. Manchmal verschwimmen die Grenzen zwischen Musicalbesuch, Schlagermove und Open-Air-Festival heute.

Das klingt nach: Früher war alles besser?

Uhlmann Auf jeden Fall klarer getrennt. Früher auf dem Dorf war man entweder Mitglied im Schützenverein und Fußballverein oder interessierte sich für Nirvana. Wer sich für Nirvana interessierte, hatte auch eine Band. So entsteht Musikkultur. Wenn die es nicht machen, dann machen wir es eben selber. Die Attitüde gefällt mir. Unser Dorf soll schöner werden. Bei einem großen Festival wie Hurricane oder Rock am Ring ist alles einfach riesig und als Künstler fühlt man sich klein. In Haldern ist das nicht so. Die Architektur der Hierarchie ist hier nicht so extrem. Da kann ich vom Backstagebereich schnell ins Publikum huschen, mir einen anderen Künstler anschauen. Die Zuschauer lassen einen in Ruhe, sind nicht so aufgeregt.

Wie beobachtet Thees Uhlmann neue musikalische Entwicklungen?

Uhlmann Ich stehe ja auch manchmal wie der Ochs vor dem Berg. Ich bin jetzt 45 Jahre alt. Viel vom neuen HipHop klingt mir oft zu trashig und schredderig, nicht selten mit rechtskonservativen Texten. Dass das einfach durchgewunken wird, stimmt mich nachdenklich. Dass in solchen Orten wie Haldern dann noch so ein Hang zur Kunst lebt, das ist wichtig. Ich spüre, dass Kunst an Bedeutung gewinnt in diesen Zeiten. Um es so zu sagen: Alle Fuck-AfD-Aufkleber sind verklebt. Daran kann es nicht liegen, dass die Gesellschaft nach rechts driftet. Die Aufkleber werden also nicht primär das Problem lösen. Also muss man auf 14-Jährige zugehen und sagen: „Klar kannst Du AfD wählen, davon wird vielleicht die Welt nicht direkt untergehen, aber komm‘ doch zu uns: Wir haben die Bilder, wir haben die Gedichte, wir haben das Haldern-Festival. Hier kannst Du sein, was Du sein willst.“

Sie haben mit „Junkies & Scientologen“ ein Album aufgenommen, das nach einem schwächeren Vorgänger extrem an Qualität gewonnen hat. Wie nehmen Sie selber die Entwicklung wahr?

Uhlmann Ganz ehrlich: Ich finde das Album spektakulär. Ich habe meine Mitmusiker immer gefragt: „Wann haben wir das eigentlich komponiert, wie war die Ursprungsidee und wie kam das mit den Texten?“ Ich hatte davor schon Songs, die habe ich komplett verworfen, das war eine grausame Zeit. Als ich dann vor zwei Jahren an den neuen Songs geschrieben habe, da geschah es mit mir. Ich habe in dieser Zeit in einem Schreib- und Kunstorkan gelebt. Dass die Kunst mir in meinem Alter einen lyrischen Neuanfang geschenkt hat, das lässt mich mit den Ohren schlackern. Ich bin stolz und demütig, dass uns diese Platte gelungen ist.

Das klingt jetzt so, als hätten Sie die Musik zuvor eigentlich schon aufgegeben.

Uhlmann Ja, das ist so. Wir werden im Radio nicht mehr gespielt. Deutsche Rockmusik mit Texten, die nicht enthirnt sind, das fand ja eigentlich kein Publikum mehr. Wir haben uns dann gedacht, dass wenn es sowieso egal ist, was wir machen, dass wir dann einfach mal machen.

Man hört selten, dass Künstler mit so großem Stolz über ihr Werk sprechen.

Uhlmann Der Deutsche will seine Künstler immer demütig, bescheiden und vor allem normal. Dann kann ich nur entgegnen: Gute Künstler und Künstlerinnen sind nicht normal.