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"Rucksack Schule" in Rees gegründet

REES : „Rucksack Schule“: Hier lernen Mütter

Frauen lernen an der Reeser Grundschule Deutsch und erfahren den Unterrichtsstoff ihrer Kinder.

Immer wieder dienstags gehen in Rees nicht nur die Kinder zur Schule. Dann findet von 9.30 bis 11.30 Uhr in der Mensa der Grundschule auch Unterricht für die Mütter der aktuellen Erstklässler statt, deren Heimatsprache nicht Deutsch ist. Die Reeser Grundschule ist seit September ganz offiziell eine „Rucksack Schule“. Das Projekt, das vom Kommunalen Integrationszentrum unterstützt wird, ist nicht nur ein reiner Sprachkurs für die Mütter. Die Frauen lernen, parallel zu den Schulklassen, die Unterrichtsinhalte kennen, damit sie diese zu Hause mit den Kindern auch in der Sprache der jeweiligen Familie vertiefen können.

„Die deutsche Sprache und die Muttersprache werden gleichgestellt“, erklärt Michael Käseberg, pädagogischer Mitarbeiter beim Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Kleve. „Die Kinder bringen den Unterrichtsstoff wie in einem Rucksack mit nach Hause. Dort helfen die Mütter dabei, den Rucksack auszupacken, und erklären die Lerninhalte auch in einer anderen Sprache. Dieses neue Wissen tragen die Kinder dann wieder in die Schule.“

Das Prinzip stammt aus den Niederlanden. Die Stadt Rotterdam hat es eingeführt, als die Flüchtlingszahlen enorm stiegen und eine rasche Integration immer wichtiger wurde. In Nordrhein-Westfalen folgte zuerst die Stadt Essen diesem Beispiel. Viele Ballungsräume, vor allem im Ruhrgebiet, schlossen sich an. Im ländlichen Raum ist die „Rucksack Schule“ eher selten, weil die Zahl ausländischer Schüler vergleichsweise gering ist. Im ganzen Kreis Kleve gibt es bislang nur zwei „Rucksack Schulen“: eine in Rees, eine in Kleve.

Anders als in den Ballungsräumen richtet sich das Projekt in Rees nur an die Mütter, nicht an die Väter. „Um den Müttern die Scheu vor der Institution Schule zu nehmen, haben wir schon vor den Sommerferien ein Müttercafé eingerichtet“, erklärt Grundschullehrerin Isabel Nabbefeld, die das Reeser Projekt mit ihrer Kollegin Anne Wissing betreut. „Bei diesen Treffen wurde schnell deutlich, dass sich die Frauen wohler fühlen und freier agieren, wenn sie unter sich bleiben können. Das ist oft auch eine Frage des Kulturkreises.“

In den Sommerferien besuchten Isabel Nabbefeld und Anne Wissing die vorgeschriebenen Fortbildungen, gemeinsam mit der Italienerin Chiara Calcagnoli und der Türkin Leyla Cicek. Beide sind Mütter von Erstklässlern und haben sich zu offiziellen Elternbegleiterinnen ausbilden lassen. Die Kosten übernahm das Kommunale Integrationszentrum des Kreises Kleve, mit dem die Gemeinschaftsgrundschule Rees zuvor einen Vertrag über die Rahmenbedingungen und Qualitätsstandards des Projektes abschließen musste. Die Elternbegleiterinnen leiten an jedem Dienstagvormittag die Treffen.

So unterschiedlich die Herkunftsländer und Kulturen der Mütter sind, so klar ist auch die Vorgabe: „Politische und religiöse Konflikte finden in den zwei Stunden keinen Platz“, betont Michael Käseberg. „Es geht allein um das gute Miteinander der Mütter, um die Lerninhalte und somit um die schulische Zukunft der Kinder.“

Schon vor den Sommerferien hat die Grundschule mehrsprachig in Reeser Kindertagesstätten, Vereinen und Verbänden für das neue Angebot geworben. „Durch die Flüchtlingswelle der jüngeren Vergangenheit ist die Zielgruppe definitiv da“, sagt Isabel Nabbefeld. „Es gibt auch an unserer Schule genug Familien, die davon profitieren können.“

Trotzdem wird das freiwillige Programm derzeit nur von wenigen Müttern genutzt. Die Mindestzahl von sechs Teilnehmerinnen, die das Kommunale Integrationszentrum zur Legitimation der Kosten erwartet, konnte bei den ersten Treffen noch nicht erreicht werden.

Isabel Nabbefeld, die sich auch in der Freizeit für Flüchtlingsfamilien engagiert, ist jedoch optimistisch, dass die Mund-zu-Mund-Propaganda weitere Mütter in die Schule bringen wird.„Im Idealfall geht diese Gruppe irgendwann gemeinsam ins zweite Schuljahr über, und wir gründen im Sommer 2020 eine zweite Gruppe mit den Müttern der nächsten Erstklässler.“

Auch Anne Wissing glaubt an den Erfolg des Programms: „Es ist schön zu sehen, wie viel die Mütter gemeinsam bewirken können und wie sie sich und ihren Kindern gegenseitig die Angst vor der Sprachbarriere nehmen.“