Jüdische Gemeinde Trauer um die letzte jüdische Zeitzeugin aus Rees

REES · Mit Nanni Israel starb im Alter von 103 Jahren die letzte Zeitzeugin, die noch aus eigener Erinnerung über das jüdische Leben in Rees berichten konnte. In ihre Heimatstadt kehrte sie nur noch einmal zurück.

 Die Geschwister Gideon, Nanni und Boris lebten mit ihren Eltern Louis und Esther Marcus bis 1933 am Reeser Markt.

Die Geschwister Gideon, Nanni und Boris lebten mit ihren Eltern Louis und Esther Marcus bis 1933 am Reeser Markt.

Foto: Archiv Bernd Schäfer

Nanni Israel, geborene Marcus, ist im Alter von 103 Jahren gestorben. Die Beisetzung fand am Montag auf einem der jüdischen Friedhöfe in Amsterdam statt. Geboren am 23. Juni 1920 in Rees, war Nanni Israel das vorletzte noch lebende Mitglied der ehemaligen jüdischen Synagogengemeinde Rees. Ihre jüngere Schwester Ruth, geboren am 5. Februar 1930 in Rees, lebt heute in Tel Aviv.

„Mit Nanni Israel haben wir die letzte Zeitzeugin verloren, die noch aus eigener Erinnerung und Erfahrung über das jüdische Leben in Rees berichten konnte“, bedauert Bernd Schäfer. Der Reeser Heimatforscher führte seit 1996 regelmäßig Telefonate mit Nanni Israel und erfuhr von ihr viele Details über die Familie Marcus und die frühere Synagogengemeinschaft Rees. „Ihre Schwester Ruth war nicht einmal drei Jahre alt, als sie Rees verließ, und hat dementsprechend keine Erinnerungen mehr an diese Zeit“, sagt Bernd Schäfer.

Nanni Marcus war die Tochter des Getreidehändlers und Stadtrates Louis Marcus und dessen Frau Esther, geborene Gwirzmann. Die Familie lebte mit ihren vier Kindern im Wohn- und Geschäftshaus am Markt 16. Nanni besuchte die Irmgardisschule in der Neustraße und war eine Klassenkameradin der späteren Reeser Lehrerin Antonia Cormann sowie der Töchter der Familien Wolff und Marcus (aus der Fallstraße), die ebenfalls zur jüdischen Synagogengemeinde gehörten. Im Mai 1933 verließ Nanni Marcus mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Ruth die Rheinstadt und zog nach Arnheim, wo der Vater Louis Marcus nach seiner Flucht aus Rees schon mit Nannis Brüdern Gideon und Boris untergekommen war. Mit ihren Brüdern sowie ihrem Mann Nico Israel gelang Nanni über Belgien und Frankreich die Flucht in die Schweiz, wo alle vier den Holocaust überlebten. Dagegen wurden die Eltern Louis und Esther Marcus am 27. Oktober 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten Nanni und Nico Israel in die Niederlande zurück. In Amsterdam betrieben sie bis ins hohe Alter eine Buchhandlung und ein Antiquariat. Nach Rees kehrte Nanni Israel noch einmal in den 50er-Jahren zurück, stieß dort aber auf so viel Ablehnung („Schade, dass du überlebt hast“), dass sie ihre Heimatstadt nie wieder besuchen wollte. In den letzten Jahren wohnte die verwitwete Nanni Israel in einem Altenheim in Amsterdam. Dort starb sie am 11. September.

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