Rees: Kabarettist René Steinberg im Bürgerhaus

Rees : René Steinberg seziert den Menschen

Mit seinem Programm „Irres ist menschlich“ war der Kabarettist René Steinberg im Reeser Bürgerhaus zu Gast. Dem Publikum gefiel’s.

„Ein Mann geht durch den Wald. Ganz allein. Keine Frau in der Nähe. Hat er dann trotzdem unrecht?“ Fragen wie diese stellte René Steinberg dem Publikum im Reeser Bürgerhaus. Denn sein Programm „Irres ist menschlich“ ist den Feinheiten des sozialen Miteinanders gewidmet.

Der Mülheimer seziert die Rolle des Menschen in einer organisierten, rationalisierten und optimierten Welt und stellt die entscheidende Frage: Was ist der Mensch? Was treibt ihn an? Warum kann er sich nicht merken, ob er vor drei Minuten den Stecker des Bügeleisens herausgezogen hat? Und warum vergessen Männer ihre Frauen auf Autobahnraststätten? Sogar während der Flitterwochen?

Am Ende des gelungenen Kabarettabends, bei dem die leisen Töne überwogen und die Schenkelklopfer gezielt gesetzt waren, wussten die Reeser: „In einer Welt, die immer perfekter zu sein glaubt, ist gerade das Unperfekte unsere stärkste Kompetenz.“ Beispiele gefällig? Christoph Kolumbus entdeckte Amerika, weil er nach Indien wollte. „Wer öfter mal falsch abbiegt, sieht mehr von der Welt“, betonte René Steinberg. Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte die Wirkung von Röntgenstrahlen, weil sie zufällig seinen rumliegenden Müll zum Leuchten brachten. „Wir merken uns: Nicht jeder Messi(e) muss ein Weltfußballer sein“, sagte Steinberg. Alexander Fleming entdeckte das Penicillin, weil er so lang in den Liebesurlaub fuhr, bis sich daheim die Schimmelpilze in den Petrischalen ausbreiteten: „Junge Leute, die ihr Zimmer aufräumen sollen, können der Mutter sagen: Du willst doch nur nicht, dass ich den Nobelpreis bekomme!“

René Steinberg nutze die „wunderbare positive Rudel-Stimmung“ im Bürgerhaus, um die Zuschauer auf die wichtigsten Eigenschaften einzuschwören, die ein Mensch braucht: „Gemeinsinn und Humor.“ Da lag es nahe, dass er mit pastoralem Singsang zum kollektiven „Glaubensbekenntnis für das Mettbrötchen“ aufforderte – und mehr als 200 erwachsene Menschen diesen Blödsinn mitmachten. „Der Mensch ist kein vernünftiges Wesen“, hielt Steinberg fest und begründete damit auch das Alpha-Rüden-Verhalten aktueller Machthaber wie Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan.

Doch der Kabarettist kehrte auch vor der deutschen Haustür: „Die Mutter aller Probleme ist nicht die Migration. Die Mutter aller Probleme ist die von Horst Seehofer.“ Dass die Doofheit derzeit geradezu explodiere, führte René Steinberg auch auf soziale Medien zurück: „Früher winkte der Dorfdepp einsam am Ortseingang, heute können sich die Dorfdeppen dank Twitter und Facebook austauschen und aufbauschen.“ Je weniger Ahnung ein Mensch habe, desto mehr verbreite er heutzutage seine Meinung. Dabei unterscheide sich der Mensch letztlich nicht einmal vom Komposthaufen: „Beide sind Zellhaufen mit biochemischen Prozessen. Nur der Komposthaufen schaut nicht den ,Bachelor‘ auf RTL.“

Für unfreiwillige Lacher sorgte der Kabarettist, als er (ausgerechnet) die Reeser fragte, ob sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bus und Bahn zum Bürgerhaus gekommen seien. Für programmierte Lachsalven sorgten dagegen Steinbergs anatomisch gewagte Tanz-Einlagen und seine gekonnten Ausflüge in die Stimmwelten von Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, Til Schweiger und Louis de Funès. Auch die Berichte von der Erziehungsfront kamen gut an. Wurde doch seine einst so süße Tochter inzwischen „hormonell entkernt“ und spricht jetzt mit 14 Jahren nur noch so, als wäre der Geist von Til Schweiger in sie gefahren. Wenn dann noch die Klassenfahrt ansteht, also „das Praktikum zum Biologieunterricht“, mutiert der liebende Papi zum „Spießersaurus“ und legt mit seinem peinlichen Wunsch nach einem Abschiedsküsschen den ganzen Reisebus lahm.

Nach zwei Stunden und zwei Zugaben verließ René Steinberg Rees, das „Rio de Janeiro Nordrhein-Westfalens“, und hatte sein Publikum um ein wichtiges Lebensmotto bereichert: „Wenn dir das Leben einen Tritt in den Arsch verpasst, dann nutze immer den Schwung nach vorn aus!“