Rees gedenkt an verstorbene Juden und niederländische Zwangsarbeiter

Reichspogromnacht: In Gedenken an das Grauen

Vor 80 Jahren wurden Juden auch in Rees von Nationalsozialisten angegriffen. Die Synagoge in der Oberstadt, in der Familie Sanders lebte, wurde zerstört. Liesel Sander erinnert sich heute noch an die schrecklichen Ereignisse.

Am 9. November 1938 entbrannte im Deutschen Reich der „Volkszorn“. Kurz zuvor war der deutsche Botschaftssekretär Ernst vom Rath seinen Verletzungen erlegen, die ihm der 18-jährige Herschel Grynspan, ein orthodoxer Jude, bei einem Attentat in Paris zugefügt hatte, um auf die brutale Unterdrückung der Juden aufmerksam zu machen.

Auf einen solchen Anlass hatten die Nationalsozialisten gewartet: Josef Goebbels hetzte in einer Rede alle Parteiführer auf, so dass die Schlägertrupps der Sturmabteilungen (SA) und der Schutzstaffeln (SS) spontan durch Deutschlands Städte zogen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 und am darauffolgenden Tag gingen im Deutschen Reich 250 Synagogen und Gemeindehäuser in Flammen auf oder wurden anderweitig zerstört. Auch die Wohnungen und Geschäfte jüdischer Mitbürger wurden geplündert und zerschlagen. Das Meer aus Splittern und Scherben brachte diesem dunklen Tag in der deutschen Geschichte den verharmlosenden Namen „Reichskristallnacht“ ein.

Auch in Rees, wo Juden und Christen jahrhundertelang gut miteinander gelebt hatten, hinterließ das Pogrom seine Spuren – und zwar am Donnerstag, 10. November 1938. Ziel des „Volkszorns“ war das Synagogengebäude in der Oberstadt 16. Es war 100 Jahre lang das kulturelle und religiöse Zentrum der Reeser Synagogengemeinschaft gewesen. Nach dem Tod des letzten Lehrers und Kantors, Meier Levisohn, im Februar 1935, war das jüdische Ehepaar Max und Hertha Sander mit fünf Kindern in das Erdgeschoss des Synagogengebäudes gezogen.

Die Kinder Liesel, Herbert und Kurt Sander waren am Morgen des 10. November 1938 noch nach Bocholt gefahren. Dort stand die jüdische Schule, die sie seit 1937 besuchten, weil ihnen der Besuch der evangelischen Volksschule in Rees verboten worden war. In Bocholt standen sie vor der zerstörten jüdischen Schule und wurden von ihrem Lehrer wieder nach Hause geschickt. Dort erwartete sie der nächste Schock: Vor dem Haus in der Oberstadt 16 hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Die Fenster waren eingeschlagen, das Spielzeug der Kinder, Geschirr und Bettwäsche lagen auf der Straße. SA-Männer warfen die sakralen Gegenstände der Synagogengemeinde, Gebetsbücher, Gewänder, Gebetsschals aus den zerstörten Fenstern in den Hinterhof. Die NS-Frauenschaft half dabei.

Die Kinder suchten nach ihren Eltern und dem jüngsten Bruder Walter. „Unsere Mutter war völlig durcheinander und zitterte am ganzen Körper“, erinnerte sich Liesel Sander später. „Walter hatte Weinkrämpfe, unser Vater war schon in die Arrestzelle im Rathaus gebracht worden.“

Dass die Reeser SA-Männer das Haus nicht in Brand steckten, hatte nur einen Grund: Ein Feuer hätte „arische“ Nachbarhäuser in der Oberstadt in Mitleidenschaft gezogen. Dies war von den Nationalsozialisten untersagt worden. Das Synagogengebäude war jedoch nicht mehr bewohnbar und wurde bis Februar 1945, als es beim Angriff der Alliierten auf Rees vollkommen zerstört wurde, als Lager genutzt.

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Hertha Sander und ihre Kinder bezogen eine notdürftige Unterkunft im Haus des Isidor Isaac am Kirchplatz 14. Vom Volksmund despektierlich „Judenhaus“ genannt, wohnten dort die letzten in Rees und Haldern verbliebenen Juden, deren Gemeinde von Isidor Isaac verwaltet wurde. Nach dem Pogrom gab es von den ehemals 66 Mitgliedern der Synagogengemeinschaft nur noch 14, die sich auf das „Judenhaus“ konzentrierten.

Bereits am 12. November 1938 fand unter Hermann Görings Vorsitz eine Funktionärssitzung statt, in der unter Berufung auf den angeblichen „Volkszorn“ weitere Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung beschlossen wurden. Sie gipfelten in der Judenverfolgung und dem Bau von Konzentrationslagern. Auch das Leben der letzten Reeser Juden war von Armut, Angst und Ausgrenzung geprägt. Wer nicht fliehen konnte, wurde wenig später in Vernichtungslager gebracht. Ab 1941 hatte Rees keine Bürger jüdischen Glaubens mehr.

Vom ehemaligen Synagogengebäude gibt es kaum Bilder. Eine alte Postkarte der Oberstadt zeigt das Haus Nummer 16 in einiger Entfernung. Ein anderes Bild zeigt einen kleinen Ausschnitt des Gebetsraums in der ersten Etage. Keine Aufnahmen gibt es dagegen vom Erdgeschoss mit der Lehrerwohnung, der einklassigen jüdischen Volksschule und dem rituellen Tauchbad Mikwé. Im Jahr 1997 bat Bernd Schäfer, der seit fast 40 Jahren die Geschichte der Reeser Juden erforscht, Liesel Sander um einen skizzierten Grundriss beider Etagen.

Liesel Sander lebte bis zu ihrem Tode am 20. April 2007 in Israel. Sie und ihr Bruder Helmut waren die einzigen Holocaust-Überlebenden der Familie. Die Eltern und drei Brüder starben in Konzentrationslagern. An sie erinnern fünf „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig vor dem Haus in der Oberstadt 16. Eine Gedenktafel an der Fassade erinnert an die frühere Synagoge, verschweigt aber das Pogrom vom 10. November 1938.

Alle jüdischen Kultgegenstände, die damals aus dem Gebetsraum geworfen wurden, galten über Jahrzehnte als verschollen – bis Herbert Rubinstein, ehemaliger Geschäftsführer und Vertreter des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, im Archiv des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Düsseldorf durch Zufall auf Objekte stieß, die sich eindeutig der ehemaligen Synagoge in der Reeser Oberstadt zuordnen ließen. Jüdische Gemeindemitglieder hatten sie offenbar am Abend des Pogromtages aus der Synagoge gerettet. Herbert Rubinstein kontaktierte Bernd Schäfer, der sich mit Rolf Albring, dem Kuratoriumsvorsitzenden der Koenraad-Bosman-Stiftung, auf eine Dauerausstellung der Gegenstände im Museum einigte. Seither sind im „Raum der jüdischen Traditionen“ unter anderem zwei Tora-Aufsätze aus der Reeser Synagoge, eine Tora-Rolle und ein Chanukka (neunarmiger Kerzenleuchter) zu sehen.

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