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Rees: Drehorgelspieler sammeln fleißig Spenden für Flutopfer

Aktion in Rees : Drehorgelspieler sammeln fleißig Spenden für Flutopfer

Elf Drehorgelspieler trafen sich am Wochenende auf der Rheinpromenade in Rees und sammelten mehr als 1000 Euro für die Flutopfer im Ahrtal. Das alte Handwerk faszinierte die Zuhörer.

Der Leierkasten-Robby aus Unna war gut gerüstet für das erste Drehorgeltreffen in Rees: Von seinen 133 Rollen hatte er in einem großen Koffer 122 Stück mit an die Rheinpromenade gebracht. „Auf den restlichen elf Rollen sind Weihnachtslieder, die brauchen wir heute noch nicht“, erklärte der Drehorgelspieler, der bürgerlich Ralf Wolske-Böttcher heißt und keineswegs die weiteste Anreise hatte. Sogar aus Großenkneten (Niedersachsen) und Tauberbischofsheim (Baden-Württemberg) waren die Drehorgelspieler an den Niederrhein gekommen. Andere waren aus Kaarst, Hennef, Wuppertal und Gelsenkirchen angereist.

Die Lokalmatadoren waren Burkhard und Michaela Hochstraß aus dem Reeser Ortsteil Mehr. Beide haben ihre Sammlung an Leierkästen seit 2017 ausgebaut, indem sie unter anderem zwei Drehorgeln von Ute Schwabe erworben haben. Die Reeserin zog viele Jahre mit ihrem Mann als Leierkasten-Duo „Jule und Michel“ durchs Land, bis Michael Schwabe, einst evangelischer Pfarrer in Kalkar, vor zehn Jahren verstarb. „Sie war froh, dass sie ihre Drehorgeln in gute Hände geben konnte“, sagt Burkhard Hochstraß. Denn die Leierkästen müssen regelmäßig gespielt werden, sonst bricht das Leder des Blasebalgs.

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Insgesamt elf Drehorgeln standen am Samstag von 11 bis 16 Uhr in einer Reihe zwischen der Reeser Ziegenskulptur und dem Pegelturm. Einer nach dem anderen drehte die Kurbel, während die übrigen Leierkästen stumm blieben und sich die Musiker mit den zahlreichen Schaulustigen aller Altersgruppen über die Geschichte und die Mechanik der ganz besonderen Instrumente unterhalten konnten.

Drehorgeln wurden seit Beginn des 18. Jahrhunderts in allen Ländern Europas durch Straßenmusiker und Gaukler bekannt. „Heute ist Musik allgegenwärtig, weil wir nur das Radio anstellen müssen, aber früher war das eine Sensation, wenn aus einem Leierkasten Musik erklang“, sagt Burkhard Hochstraß, der sich nicht erst seit der Corona-Zwangspause um den Fortbestand der Leierkastenmusik sorgt: „Ich würde mir wünschen, dass man uns wieder mehr zu Stadtfesten und Events einlädt, damit das Drehorgelspielen nicht in Vergessenheit gerät.“

Als Elektrofachmann hat sich Burkhard Hochstraß schnell mit der traditionellen Technik vertraut gemacht. Die älteste Form des Musikträgers ist die Stiftwalze. Sie wurde um 1910 durch das Lochband und die Lochkarte abgelöst. Durch das Kurbeln bewegt der Spieler nicht nur einen Blasebalg, sondern zieht auch das Lochband über einen sogenannten Spieltisch. Je nachdem, wo sich ein Loch auf diesem Papierband befindet, öffnet sich ein Ventil und bläst Luft durch eine der Orgelpfeifen. „Man muss nur gleichmäßig kurbeln, das ist ein bisschen Übungssache“, sagt Burkhard Hochstraß. „Das ist feinste Technik aus alter Zeit“, ergänzt Bianka Barkau, die sich 2019 zum Geburtstag einen Leierkasten des Orgelbauers Stüber geschenkt hat. Seither ist sie mit „Carlas Drehorgelmusik“ am liebsten „im Rudel“ unterwegs, also mit Burkhard und Michaela Hochstraß und weiteren Gleichgesinnten.

Das musikalische Repertoire an der Rheinpromenade reichte von Beatles-Hits über Schlager und Musicalklassiker bis zum aktuellen „Wellerman“-Shanty. Aufgrund der Bekanntheit aller Lieder hielt auch die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) ihre Hand auf. Circa 250 Euro mussten die Drehorgelspieler für ihr Reeser Gastspiel abführen, die aber zum großen Teil vom Sponsor, dem Unternehmen Westenergie, übernommen wurden. So können nun sämtliche Spenden, die an der Rheinpromenade gesammelt wurden, an die Aktion „Nachbarn in Not“ für Flutopfer im Ahrtal überwiesen werden: 835,60 Euro sowie weitere 200 Euro, mit denen die Drehorgelspieler beim abendlichen Pizza-Essen das Ergebnis aufstockten.

Früher waren es meist Kapuziner- oder Rhesusaffen, die das gespendete Geld der Zuhörer einsammelten. Das ist heute nicht mehr möglich, aber an oder auf fast allen Drehorgeln erinnern Plüschaffen an diese Tradition. Wolfgang Lesse alias „Der Orgelkerl“ aus Großenkneten hat sogar einen lebensgroßen und mechanisch steuerbaren Affen auf seiner Drehorgel zu bieten: Der kann den Hut heben, einen Vogel zeigen, die Augen, die Augenbrauen und die Lippen bewegen, die Zunge ausstrecken und auf Kommando im hohen Bogen urinieren.