1. NRW
  2. Städte
  3. Emmerich

Rääße Platt im Bürgerhaus Rees

Mundart-Abend : Großes Interesse am „Rääße Platt“

Agnes Jay, der Männergesangsverein Harmonie und der Reeser Proot-Platt-Club sorgten für einen amüsanten Abend.

So viele Mitwirkende gab es noch nie bei einem Vortrag des Reeser Geschichtsvereins Resssa: 20 Aktive des Männergesangsvereins Harmonie, acht Frauen des Reeser Proot-Platt-Clubs und sechs weitere Experten in Sachen „Räässe Platt“ unterstützten die Referentin Agnes Jay bei ihrem Vortrag über die lokale Mundart. Hinzu kamen fast 70 Besucher, die im Bürgerhaus immer wieder der Forderung nachkamen, Lieder mitzusingen und Textbeispiele mitzusprechen.

Agnes Jay, die vor zwei Jahren das erste Wörterbuch über Reeser Platt veröffentlichte und derzeit mit ihren Ko-Autoren Hermann Voß und Hermann Venhofen an einem Ergänzungsband arbeitet, begann den Abend mit einer theoretischen Einführung, die bis ins dritte Jahrhundert nach Christus zurückging. „Die Westfranken sprachen die Sprache, aus der sich unser Reeser Platt entwickelt hat“, sagte die pensionierte Lehrerin für Englisch und Geschichte. Jay betonte, dass der Begriff „Platt“ heute meist falsch oder einseitig verstanden werde. Er bedeutete im Nordniederfränischen aber nicht nur „flach“, sondern auch „klar“ und „verständlich“. Das „platte dytsch“ sei die Sprache des Volkes gewesen, auch in breiten Teilen des Niederrheins.

Anhand einer Landkarte des Sprachforschers Georg Cornelissen erläuterte die Referentin die „Reeser Linie“, die südlich von Rees verläuft und auch Hamminkeln, Bislich, Geldern oder Goch als sprachliche Grenzorte umfasst. Während überall dort der Begriff „Fits“ für Fahrrad sehr gebräuchlich sei, kenne man ihn südlich der Reeser Linie gar nicht. Auch das Wort „gej“, das im Reeser Platt sowohl „Du“ als auch das förmliche „Sie“ bedeutet, werde im Raum Wesel durch „dou“ abgedeckt. So heiße das Pendant zum Weseler Satz „Wenn dou tu lang onder de Boom hoks, schitte dej de Vögel op de Kopp“ in Rees: „Wenn gej te lang onder den Boom hokt, schitte ouw de Vögel op de Kopp.“

Agnes Jay feierte das Reeser Platt angesichts seiner vielen Nuancen und Facetten. Allein für das Wort „Arbeiten“ führe ihr Wörterbuch 26 verschiedene Platt-Begriffe auf, sechs zusätzliche seien durch weitere Recherchen in den letzten zwei Jahren hinzugekommen. Zudem biete das Platt pointierte Begriffe, die im Hochdeutschen wortreich umschrieben werden müssen. Als Beispiele nannte sie „prakesiere“, „Hömmel“ oder „Mönnekesarbeit“. Für Heiterkeit im Publikum sorgten Lebensweisheiten wie „Halfsatt es wechgeschmette Gäld“, „Bäter gäck dunn as gäck sinn“ oder „Hej mekt van en Puup en Donderschlaach“.

Dass das Platt keine Schriftsprache sei und dass es keinen „Duden“ für die Reeser Mundart gibt, machte Agnes Jays Recherchen in den letzten sieben Jahren nicht gerade leichter. „Ich habe Texte gefunden, in denen auf einer Seite dasselbe Wort auf drei verschiedene Arten geschrieben steht“, sagte Agnes Jay und zeigte anhand zweier Fotos auch ein aktuelles Beispiel: Am Schaukasten beim Fähranleger steht „Räässe Pöntje“, wohingegen auf der Fähre selbst „Rääße Pöntje“ steht.

Auch das Mitsprechen bei einem Gedicht über Reeser Platt-Vokalbeln, verfasst von Agnes Jay und vorgetragen von Monika Scholten und Herbert Venhofen, bewies eindrucksvoll, wie eng verbunden viele der Zuhörer noch heute mit der Sprache ihrer Eltern und Großeltern sind.

Der Prott-Platt-Club trug unterhaltsame Geschichten von Hermann Klemme vor. 1912 in Rees geboren, machte er in Emmerich sein Abitur und studierte Theologie in Österreich, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1983 lebte. In den 30er Jahren hatte Klemme als Student viele Beiträge für den „Reeser Allgemeinen Anzeiger“ geschrieben, die jetzt in Mundart vorgelesen wurden. So sorgte die Geschichte, die Mariehilde Henning, erste stellvertretende Bürgermeisterin von Rees, vortrug, für viele Lacher: Das schwächliche 13. Ferkel eines Wurfs wird von der Bäuerin mit der Flasche gesäugt und in einer Wiege zum Schlafen niedergelegt, wo es mit einem Baby verwechselt wird, das dem Bauer „wie aus dem Gesicht geschnitten“ ist.

„Als ich nach dem Abitur von Rees weg war, freute ich mich immer auf diesen Moment, wenn ich nach Hause fuhr und im Bus ab Emmerich endlich wieder Reeser hörte, die sich in dieser wunderbaren Sprache meiner Heimat unterhielten“, schloss Jay den Abend.