Bahnhof in Emmerich nicht barrierefrei: Nur eine Treppe zu Gleis 3

Bahnhof in Emmerich nicht barrierefrei: Nur eine Treppe zu Gleis 3

Seit die Züge in Emmerich auch auf Gleis 3 abfahren, kann Gertrud Dziekan nicht mehr in ihre Heimat Bremen fahren: Mit dem Rollator kommt sie die Treppen nicht alleine herauf - Hilfe von der Bahn gibt es in Emmerich nicht.

Behindert ist man nicht, behindert wird man gemacht. Das stellt die 81-jährige Gertrud Dziekan immer wieder fest, wenn sie mit der Bahn unterwegs ist. Die Seniorin ist gehbehindert und auf ihren Rollator angewiesen. "Wenn der Zug vom Emmericher Bahnhof aus von Gleis 3 fährt, kann ich meine Reise erst gar nicht antreten", sagt sie. Denn durch den Tunnel kommt sie ohne fremde Hilfe nicht. Und einen Aufzug gibt es nicht.

Gertrud Dziekan kommt aus Bremen, lebt seit etwa zehn Jahren in Emmerich. Sie hat eine Wohnung gefunden mit einem Aufzug, in der sie gut zurecht kommt. In der Jugend erkrankte sie an Kinderlähmung, leidet jetzt an einem "Postpolio-Syndrom" - Nachwirkungen der Kinderlähmung. Im und außerhalb ihrer Wohnung ist sie mit dem Rollator unterwegs. Immerhin: "Hier in Emmerich gibt es ein gutes Bus-System", lobt sie.

Bis zur Umstellung der Bahn im Frühjahr dieses Jahres konnte sie noch alleine Reisen in ihre Heimat machen. "Die neuen Züge sind toll. Der Einstieg ist ebenerdig in Bahnsteighöhe", sagt sie. Bis April fuhren alle Züge in Richtung Ruhrgebiet von Gleis 1 oder 2 ab. Doch jetzt fahren sie oft vom dritten Gleis ab oder kommen da an, so dass man durch den Tunnel muss. Und dieser stellt nicht nur für Rollstuhlfahrer und Leute mit Rollatoren ein Hindernis dar, auch Mütter mit Kinderwagen und Reisende mit Fahrrädern und großen Koffern können ihn nur schwer überwinden. Die Stufen sind ausgetreten, bei Regen sehr rutschig, das Gelände rostig. "Treppenlaufen ist für mich sehr schwierig und stellt natürlich ein großes Unfallpotenzial dar", so die Seniorin, die oft von ihrer Tochter begleitet wird.

Gertrud Dziekan mit Rollator. Foto: van Offern Markus

Dabei könnte es so einfach sein. "Im Zuge der Digitalisierung müsste es doch möglich sein, die Züge in Emmerich auf die beiden barrierefreien Gleise zu leiten", sagt sie. Das habe sie doch schon öfter erlebt, wie kurzfristig Züge umgestellt werden können. Mit diesem Vorschlag hat sie sich auch schriftlich an die Bahn gewandt, aber keine Antwort erhalten. Und auch dem Bürgermeister Peter Hinze hat sie einen Brief geschrieben, um auf die Situation aufmerksam zu machen. "Ich weiß, dass der Bahnhof im Jahr 2020 modernisiert und somit auch barrierefrei werden soll. Aber dass wir noch mehrere Jahre warten sollen, das ist doch wohl eine Zumutung." Damit gehe ihr ein großer Teil Lebensqualität und Selbstständigkeit verloren, sagt die 81-jährige Emmericherin. In Duisburg beispielsweise gibt es die Leute von der Bahnhofsmission, an die man sich wenden kann, wenn man Hilfe braucht, am Emmericher Bahnhof gibt es das nicht.

Auf Nachfrage beim Bahnservice bekommt man die Broschüre "Reisen für alle - Bahn fahren ohne Barrieren!" in die Hand gedrückt. Also gibt es doch Möglichkeiten? Für einen Anruf bei der Mobilitätsservice-Zentrale braucht man Geduld - sechs Minuten Warteschleife. Dann meldet sich eine nette Dame. Als sie hört, dass eine Seniorin mit Rollator Hilfe braucht, sagt sie: "Das geht in Emmerich nicht, da haben wir kein Personal." Aber sie helfe gerne, eine "barrierefreie Fahrt" von anderen Bahnhöfen aus herauszusuchen. Auf die Nachfrage, wer die Anfahrt per Bus oder Taxi zum nächsten Bahnhof bezahlt, antwortet sie: "Die Bahn zahlt das nicht, diese Kosten muss der Reisende selbst tragen."

(RP)