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Rees: Nachtwächter-Gang zog die Gäste

Rees : Nachtwächter-Gang zog die Gäste

Am Mittwoch drehte der neue Reeser Nachtwächter zum ersten Mal seine Runde durch die Stadt und mehr als 50 Teilnehmer wollten ihn dabei begleiten. Um sieben Uhr blies Heinz Belting - ausgerüstet mit einem langen Umhang, federgeschmücktem Schlapphut, Hellebarde und Horn, das Reeser Wappen auf der Brust - in sein Horn und sang mit kräftiger Stimme den Stundenvers.

Dann berichtete er von Zeiten, da der Alltag der Reeser Bürger noch von der Kirche bestimmt und vom kirchlichen Kalender eingeteilt wurde, die Zahlen der Stundenlieder sich auf biblische Ereignisse oder christliche Symbolik bezogen und die Giebelhäuser rund um den Markt Namen, aber keine Hausnummern besaßen. Anschließend führte er seine Begleiter vorbei an der Kirche und dem Ort der ehemaligen Synagoge durch die Oberstadt zur Linde, wo Wasserstraße und Oberstadt zusammenlaufen. An jeder Station hatte er so viel zu berichten, dass schon am Mühlenturm eine Stunde vergangen war und der Nachtwächter erneut in sein Horn blasen und den Stundenvers singen musste. Seine Zuhörer erfuhren, was es mit der abgehauenen Hand im ersten Reeser Museum am Krantor auf sich hatte und dass den Reesern und dem Bischof der neoklassizistische Stil ihrer Kirche nicht gefiel, die nach dem Verfall der ursprünglichen Stiftskirche – eine Folge der Zwangssäkularisierung durch Napoleon - mit Hilfe der preußischen Regierung in Berlin unter der Oberaufsicht von Schinkel erbaut wurde: zu nüchtern, zu protestantisch, zu preußisch.

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Leicht amüsiert hörte man, dass die neun Brauereien des kirchlichen Stifts und die Stadt sich 132 Jahre durch alle Rechtsinstanzen darum stritten, ob Abgaben an die Stadt gezahlt werden mussten oder nicht. Rees hat verloren.

Aus heutiger Sicht sind 25 Schuster und 17 Schneider bei nur knapp 2500 Einwohnern verwunderlich und Berufe wie Bader, Blaufärber und Strumpfstricker unbekannt. Einige Maßnahmen, mit denen das Leben damals geregelt wurde: Menschen, die „in Ehren verarmt“ waren, wurden mit Stiftungsgeldern unterstützt, Fremde durften nur zur Probe in der Stadt leben, bevor man ihnen Bürgerrechte gab, der Bürgermeister bestimmte den Brotpreis und eine preußische Order von 1764 veranlasste, dass fortan keine Holz-, sondern nur noch Steinhäuser errichtet und Deichbefestigungen angelegt wurden.

Heinz Belting beendete nach zwei Stunden seinen Ausflug in die Vergangenheit.

(RP)