1. NRW
  2. Städte
  3. Emmerich

Monika Hartjes aus Emmerich überquert die Alpen zu Fuß

EMMERICH : Flachland-Wanderin überquert die Alpen

Dieses Jahr ist ein besonderes Jahr – wegen Corona. Und auch die Urlaubsplanungen sind anders. RP-Mitabeiterin Monika Hartjes entschied sich für den Wanderweg von Oberstdorf nach Meran. Eine Qual mitten in den Bergen.

 Sonntag, 12. Juli: Mit dem Auto fuhr ich nach Oberstdorf. Matthias aus dem Allgäu und Yvonne aus dem Lechtal erwarteten mich und 19 weitere Wanderer am Bahnhof. Als erstes bekam ich ein paar Spikes in die Hand gedrückt. Yvonnes Erklärung: „Damit läuft man besser über Schnee und Eis.“ Ich war verwundert, zeigte das Thermometer doch über 20 Grad an und die Sonne schien.

Von der Spielmannsau in knapp 1000 Meter Höhe ging die erste Tour hoch zur Kemptner Hütte, die auf 1844 Metern liegt. Der Aufstieg brachte mich ordentlich zum Schwitzen – gerade auch wegen des knapp neun Kilo schweren Rucksacks, der ab sofort mein ständiger Begleiter war. Beim Aufstieg durch den „wilden Sperrbachtobel“ war ich froh, dass ich mich an einem Stahlseil hochhangeln konnte. Das Ziel erreichten wir in gut drei Stunden. Nach Knödelsuppe, Rinderbraten mit Spätzle und Pflaumenmus fielen wir in unsere Betten in Fünf- und Zehnbettzimmern.

Montag, 13. Juli: Aufgestanden wurde um 5.45 Uhr, also kein Ausschlafen im Urlaub. Bereits eine halbe Stunde nach dem Abmarsch erreichten wir das Mädelejoch, 1974 Meter hoch, wo wir die österreichische Grenze überschritten. 950 Meter tiefer liegt der Ort Holzgau, kurz vorher ist das Höhenbachtal zu überwinden auf der 200 Meter langen und über 100 Meter hohen Hängebrücke. Ganz schön wackelig – Panoramablick und Herzklopfen inklusive! Danach ging es zunächst per Bus weiter: In einer atemberaubenden Fahrt – links mit tiefen Schluchten, recht mit den massiven Bergen – kamen wir im Madautal an. Und wieder führte der Weg bergauf – zur Memminger Hütte in 2242 Meter. Dort standen in einem Raum ein Dutzend „Schlafboxen“ neben- und übereinander. Um die nötige Bettschwere zu bekommen, damit ich trotz der vielseitigen Nachtgeräusche doch noch etwas Schlaf erlebte, beteiligte ich mich an dem Abendaufstieg auf den Seekogel. Belohnt wurden wir mit einem stimmungsvollen Bergpanorama, echtem Edelweiß und einem romantischen Sonnenuntergang. Wir entdeckten Murmeltiere und Steinböcke.

 Dienstag, 14. Juli: Dieser Tag – er begann mit dem Aufstehen um 5 Uhr - hatte es in sich! Die „Seescharte“ - 2599 Meter hoch – musste überwunden werden. Das letzte Stück kletterten wir am Seil über eine Steinplatte. Der Blick über die Kante war grandios. Ein fünfstündiger Abstieg – fast 2000 Höhenmeter – durch das Lochbachtal bis zum Ort Zams im Inntal stand dann auf dem Programm. Die Oberschenkelmuskeln brannten vor Anstrengung, rechts ragte der Abgrund. Der Weg stellte eine hohe Anforderung an die Konzentration, Ausdauer und Trittsicherheit - und schwindelfrei sollte man auch sein. Ein ums andere Mal fragte ich mich: „Warum machst Du das nur?“ Aber ein Blick in die herrliche Landschaft entschädigte mich für die Anstrengung. Zams kam in Sicht, aber es sollte noch über zwei Stunden bis dorthin dauern. Eine Teilnehmerin rief ihren Mann, der zuhause geblieben war, über Handy an und klagte: „Wir laufen und laufen und kommen Zams einfach nicht näher.“ Der antwortete: „Musst du heranzoomen!“ Wir schafften es alle bis zur Seilbahn, die uns – nach der über Neun-Stunden-Tour - zur Venet-Gipfelhütte in 2212 Meter Höhe brachte.

Mittwoch, 15. Juli: Muskelkater begleitete mich auf den Abstieg nach Wenns. Der Panorama-Weg, bestens geeignet für malträtierte Beine – führte durch einen Kuhfladen-Hindernis-Parcours zunächst bergab, dann wieder bergauf. Am Nachmittag kamen die ersten Regentropfen. Wir konnen gerade noch ein paar Fotos von der Gletscherzunge des Mittelbergferners machen, als sich wie von Geisterhand eine weiße Wand davorschob und alles um uns herum in weißem Nebel tauchte. Ich war echt froh, dass die kundigen Bergführer den Weg auch im Nebel wussten, denn ich sah keine E5-Zeichen mehr und hätte die Orientierung verloren.

Wir fanden dennoch den Weg. Nach mehr als neuneinhalb Stunden anstrengender Kletterei  tauchte plötzlich die Braunschweiger Hütte vor uns. In 2759 Metern Höhe. Kaum waren wir im Haus, fing es mit dicken Flocken an zu schneien. Matthias Wetterbericht für den nächsten Tag: „Es ischt wie‘s ischt!“

Donnerstag, 16. Juli: Es war eine kleine Welt, als wir loswanderten. Der Rettenbach – auf knapp 3000 Meter – war unser erstes Ziel. Leider war der versprochene Panoramablick auf die Ötztaler und Stubaier Bergwelt im Nebel versteckt. Es war kalt und der Rucksack wurde leichter, weil ich alles, was sich darin befand, anzog. Eine Blase am linken Zeh und Druckstellen an den kleinen Zehen ärgerten mich bei jedem Schritt. Doch dann wurde es abenteuerlich. „Spikes unter die Schuhe ziehen“, hieß es. Und weitere Tipps der Guides: „Gesicht zum Schneeberg, in die Fußstapfen des Vordermanns treten. Und wenn ihr ausrutscht, auf den Bauch drehen und im Liegestütz bremsen.“

Wir liefen durch ein meterhohes Schneefeld, sackten bis zu den Knien ein und lagen mehrmals im Schnee. Auf dem Panorama-Höhenweg, der vom Skigebiet Sölden nach Vent führt, holte uns der Regen wieder ein. Nach weiteren drei Stunden öffnete sich ein Fenster in der Wolkenwand und wir konnten den Ort „Vent“ im Ötztal, 1896 Meter, erblicken.

Freitag, 17. Juli: Der letzte Tag begann mit einem Aufstieg: Wir liefen in strömendem Regen durch das Niedertal zur Similaun-Hütte am Niederjoch, mit 3019 Metern der höchste Punkt unserer Tour. In der Nähe befindet sich die Fundstelle von „Ötzi“. Dieser Weg zog noch einmal alle Register: Es ging durch Steinwüsten und Geröll, über matschige Stege und vereiste Flächen und über einen Gletscher, der enorm unterspült war und deshalb von uns nur einzeln betreten werden durfte. Wir mussten durch eiskalte Winde, Graupelschauer und Niesel. Oben angekommen lichtete sich der Nebel und wir hatten einen wunderschönen Ausblick.

Der Abstieg begann steil, er führte durch das Tisental ins Schnalstal. Als sich das Wetter besserte, konnten wir den Vernagt-Stausee entdecken. Dort am Tisenhof, einem alten Südtiroler Bauernhof, wurden alle empfangen. Tränen der Erschöpfung, der Anstrengung und des Glücks flossen, denn: Wir hatten es geschafft, den E5 bewältigt.  Yvonne lobte: „Ihr seid die erste Gruppe, in der alle bis zum Schluss durchgehalten haben.“