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Landschaftsverband und Vrasselt: Wohngruppe seit 20 Jahren

In Vrasselt an der Pionierstraße : Wohngruppe besteht seit 20 Jahren

Was Menschen gut tut. In der Einrichtung des Landschaftsverbandes an der Pionierstraße in Vrasselt wohnen Menschen mit schwerer geistiger und mehrfacher Behinderung.

Es gibt Momente, da staunt Edith Schwarz immer wieder aufs Neue. Dann, wenn Tochter Ina ihre Stimme erkennt und sofort kommt, wenn sie ihre Mutter hört. Oder auf Ansprache reagiert. Nicht selbstverständlich, denn Ina ist ein Mensch mit einer schweren Behinderung.

Dass sie sich so gut entwickelt, so große Fortschritte gemacht hat, „hätte ich nie geglaubt“, sagt Edith Schwarz. Für sie steht fest: Es war für Ina ein Glücksfall, dass sie zu den Bewohnern im Wohnverbund des LVR-Verbund Heilpädagogischer Hilfen (HPH) in Vrasselt gehört. „Denn die Betreuung hier ist einmalig.“

Es ist kein alltägliches Haus, dass der LVR-Verbund vor 20 Jahren an der Pionierstraße in Vrasselt eröffnete. Es war kein Neubau. Aus einem alten Bauernhof, idyllisch und ruhig gelegen, wurde ein Zuhause für 17 Frauen und Männer mit schwerer geistiger und mehrfacher Behinderung.

Nur wenige von ihnen können sich durch Sprache verständlich machen. „Das Team muss viele Dinge erahnen“, sagt Leiterin Marion Boeck. Auf Reaktionen und kleine Gesten achten, ist wichtig: Was braucht mein Gegenüber gerade, wie geht es ihm oder ihr? Dafür haben die 22 Mitarbeiter ein Gespür entwickelt.

Die Fluktuation im Haus ist gering, viele Beschäftigte sind seit Jahren dort. „Und so hat sich eine Vertrautheit entwickelt, man versteht sich auch ohne Worte, kann Mimik und Gestik deuten“, sagt Schwarz.

Was übrigens keine Einbahnstraße ist. „Nicht nur wir kennen die Bewohnerinnen und Bewohner gut, sie kennen auch uns. Sie merken, wenn es uns nicht gut geht, wenn jemand traurig ist und reagieren darauf.“

Der Schwerpunkt in der Unterstützung und Begleitung liegt auf der Förderung der Körperwahrnehmung und Entspannung. Die beiden Wohnbereiche sind durch einen Mehrzweckraum in der Mitte verbunden, der Treffpunkt und Rückzugsraum zugleich ist.

Hier gibt es unter anderem Entspannungsmusik, Klangschalen, ein Wasserbett. Auch Technik hilft, der Fachausdruck lautet unterstützte Kommunikation. „Wir arbeiten nicht mit Piktogrammen, also kleinen Bildern, wie in vielen anderen Wohnverbünden, sondern mit Sprechleisten.“

Auf Knopfdruck können die Bewohner so erfahren, ob es heute zum Beispiel Angebote im LVR-Heilpädagogischen Zentrum gibt, per Taste mitteilen, dass sie Hunger haben, ein fröhliches „Guten Morgen“ hören und vieles mehr.

Der Altersdurchschnitt im LVR-Wohnverbund ist hoch, der Älteste 81 Jahre alt.

„Wir müssen mit kleinen Dingen anfangen, alles in ganz kleinen Schritten machen“, sagen Marion Boeck und Erzieherin Beatrix Opgenorth. Die meisten der Menschen im Haus seien aus der LVR-Klinik Bedburg-Hau gekommen, seien eine andere Generation von Menschen mit Behinderung als jüngere.

Beatrix Opgenorth hat diese Entwicklung mitgemacht. Sie kennt die Klinik, ging mit in eine Außenwohngruppe und schließlich zur Pionierstraße. „Diese Generation von Menschen mit Behinderung ist damit aufgewachsen, dass sie hilflos und bedürfnislos zu sein hat und nichts machten durfte.“

Heute ist das anders. Wer möchte, bringt sich nach seinen Möglichkeiten ein. Zum Beispiel in der Küche, beim Tischdecken, bei der Wäsche, um nur einige Beispiele zu nennen.

In diesem Herbst feiert der LVR-Wohnverbund an der Pionierstraße seinen 20. Geburtstag. Die ursprüngliche Planung war ein großes Fest gemeinsam mit den Menschen in Vrasselt. Denn sie sind gute Nachbarn geworden im Laufe der Jahrzehnte. „Man kennt sich, man achtet aufeinander, wir sind Teil des Dorfes“, so Marion Boeck.

Wegen Corona ist aus dem großen Fest ein kleines geworden. Ein Highlight darf nicht fehlen: Paul Flögel aus Vrasselt stellt für die Sommerfeste des LVR-Wohnverbunds seinen Planwagen zur Verfügung und fährt mit den Bewohnern zum Rhein und über Wiesen und Felder.