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Landgericht verurteilt Leiharbeiter nach tödlichem Stich in Emmerich

KLEVE/EMMERICH : Leiharbeiter nach tödlichem Stich zu fünf Jahren verurteilt

Ein Streit in einer Leiharbeiterunterkunft am Geistmarkt endete im November 2020 tödlich. Ein 45-Jähriger starb an den Folgen eines Stiches in die Kniekehle. Das Klever Landgericht hat nun einen 32-jährigen Polen dafür verurteilt.

Eindeutige Beweise gab es nicht im Strafprozess gegen einen 32-jährigen Angeklagten aus Polen, der in einer Emmericher Leiharbeiterunterkunft einen 45-Jährigen erstochen haben soll. Es gab keine Zeugen des tödlichen Angriffs, es gab keine eindeutigen DNA-Spuren, keine sichergestellte Tatwaffe und auch kein Geständnis. Das Schwurgericht hatte nach zweitägiger Beweisaufnahme aber keinen Zweifel daran, dass der Leiharbeiter am 27. November 2020 seinen Arbeitskollegen und Zimmernachbarn – einen 45-jährigen Landsmann – mit einem Stich in die Kniekehle tödlich verletzt hatte.

Zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilte das Klever Landgericht den Angeklagten – wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Zwar gebe es keine Beweise für die Tat, doch ein Dutzend Indizien sprächen dafür, dass der Angeklagte für den tödlichen Stich verantwortlich sei, so der Vorsitzende des Schwurgerichtes.

Ein wichtiges Indiz für das Gericht: Die Zeugenaussage eines Leiharbeiters, der sich am Tatabend in der Unterkunft befunden hatte. Der Zeuge berichtete, dass er den Angeklagten kurz vor der Tat im Flur schreien und gegen die Tür des Opfers klopfen gehört habe. Das Gericht geht davon aus, dass der Angeklagte kurz darauf die Zimmertür des Opfers eintrat. Dort soll es zum Stich gekommen sein. Danach forderte der Angeklagte einen anderen Bewohner der Unterkunft auf, einen Rettungswagen zu rufen.

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Der Angeklagte hatte den Tatvorwurf von sich gewiesen. Er erklärte, dass er das schwer verletzte Opfer im Treppenhaus gefunden habe. „Ich habe dem Mann nichts Böses angetan, ich wollte ihm nur helfen“, sagte der 32-Jährige am Donnerstag. Sein Verteidiger beantragte Freispruch – gemäß dem juristischen Grundsatz: „Im Zweifel für den Angeklagten“. Zweifel an der Täterschaft seines Mandanten hätten nicht ausgeräumt werden können, sagte der Anwalt. So sei bei einem anderen Bewohner der Unterkunft nach der Tat eine klaffende Wunde am Kinn festgestellt worden, die womöglich von einem Kampf mit dem späteren Opfer stamme. Zudem könne man nicht ausschließen, dass neben den Bewohnern weitere Personen zu Besuch waren. Die Polizei habe am Tatabend schließlich nicht mal alle Zimmer auf der Etage durchsucht, so der Strafverteidiger.

Der Staatsanwalt beantragte fünf Jahre Freiheitsstrafe. Zahlreiche Indizien sprächen für die Täterschaft des 32-Jährigen – darunter auch eine Aussage des Angeklagten, als dieser einige Zeit nach dem Vorfall zwecks Vernehmung von der Polizei angerufen wurde. „Ich dachte schon, dass ich mich in die Scheiße geritten habe“, soll der Angeklagte am Telefon gesagt haben.

Fünf Jahre sah schließlich auch das Gericht als tat- und schuldangemessen. Eine Tötungsabsicht sah die Kammer nicht. Deswegen wurde der Angeklagte wegen gefährlicher Körperverletzung und nicht wegen Totschlags oder gar wegen Mordes verurteilt. „Vermutlich war der Angeklagte selbst ganz erschrocken, in welchem Umfang das Blut ausgetreten ist“, so der Vorsitzende. Strafmildernd berücksichtigte das Gericht, dass der Angeklagte nach der Tat für die Alarmierung des Rettungsdienstes gesorgt hatte. Eine verminderte Schuldfähigkeit wurde nicht angenommen, wenngleich der Angeklagte vor dem tödlichen Vorfall Alkohol getrunken hatte. Ein Sachverständiger konnte dies anhand der vom Angeklagten angegebenen Alkoholmenge ausschließen.

Der tödliche Stich – vermutlich mit einem Messer ausgeführt – hatte Vene und Arterie in der Kniekehle des Opfers durchtrennt, was in kurzer Zeit zu einem massiven Blutverlust führte. Der Verletzte starb trotz Not-OP am Tag nach dem Angriff.

Im Prozess, der am Montag startete und der am Donnerstag zu Ende ging, konnten nicht alle Leiharbeiter befragt werden, die sich am Tatabend in der Unterkunft am Geistmarkt befunden hatten. Teils sind sie wohl in ihre Heimat Polen zurückgekehrt und konnten nicht zu Gericht geladen werden. Schon die Ermittlungen unmittelbar nach der Tat hatten sich für die Polizei vor Ort aufgrund der Sprachbarriere schwierig gestaltet. Einer der Bewohner, der mittlerweile wohl zurück in Polen ist, hatte am Tatabend gar eine Ketchupflasche in Richtung eines Beamten geworfen. Streit, starker Alkoholkonsum und Auseinandersetzungen sind in dem Haus am Geistmarkt, das von einer Zeitarbeitsfirma für ihre Arbeiter angemietet worden war, nicht selten gewesen. Das geht aus Vernehmungsprotokollen der Polizei hervor. Inzwischen steht das Gebäude leer.