Emmerich: Kleve wartet auf Flincks barocke Pracht

Emmerich : Kleve wartet auf Flincks barocke Pracht

Auch wenn er heute im Schatten seines Lehrers Rembrandt steht, gehörte der 1615 in Kleve geborene Govert Flinck in seiner Zeit zu den großen niederländischen Malern. Das Kurhaus würdigt ihn ab dem 4. Oktober in einer Ausstellung.

Es scheint sein Schicksal zu sein, im Schatten seines Lehrers zu stehen. Gleich rechts neben der von Besuchern belagerten berühmten Nachtwache von Rembrandt im Amsterdamer Rijksmuseum hängen die von Govert Flinck porträtierten Schützen unter ihrem Kapitän Albert Bas. Ein tolles Bild - das in der Regel aber nur den anerkennenden Blick des Flaneurs bekommt.

Govert Flinck malte Bas und Kollegen 1645, nur wenige Jahre nach Rembrandts Geniestreich. Der Stil des dreieinhalb Meter großen Gemäldes ist flämisch, Flinck hält sich an die Tradition, seine Schützen sind nicht im Dunkel versteckt, alle sind zu sehen. Nicht ohne Grund: Jeder der Schützen musste ihm 60 Gulden zahlen - eine große Stange Geld im 17. Jahrhundert. Zwölf Mann ist die Bas'sche Kompanie stark. Flinck war zu diesem Zeitpunkt schon ein gemachter Mann. Die Schützen des Albert Bas werden nicht zur Flinck-Ausstellung nach Kleve anlässlich des 400. Geburtstages des Malers kommen. Dieser Flinck muss an seinem berühmten Platz gleich neben dem Hochaltar der niederländischen Kunst bleiben - er ist sozusagen der rechte Altarflügel.

Bald hatte sich Flinck von seinem berühmten Lehrer emanzipiert, brachte die Bewegung, die Dynamik der Nachtwache in ein anderes Bild mit der traditionellen Lichtführung überein, um letztlich einen ganz eigenen Stil zu finden, der für seine prachtvollen Bilder des niederländischen Barocks steht: so wie auf einem monumentalen Gemälde über einem großen Kamin im Königlichen Palast in Amsterdam. Das hat Flinck auf dem Höhepunkt seiner Karriere gemalt, 1658. "Da ist kein Rembrandt mehr drin", sagt Tom van der Molen, Govert-Experte beim Amsterdam Museum.

Dass Flinck ein Großer war, der auf dem Weg war, ein ganz Großer zu werden, erkannten auch seine Zeitgenossen: Sie vergaben zwölf große Wandgemälde und mehrere Monumentalbilder für das königliche Stadtpalais im Zentrum der niederländischen Metropole an den Amsterdamer Maler aus Kleve. Der vollendete die monumentalen Ölbilder wie "Salomons Gebet um Weisheit" und skizzierte die anderen Wandbilder mit Wasserfarbe. Doch im November 1659 holte nicht der Maler selbst, sondern nur ein Knecht das Salär für die getane Arbeit ab. Im Februar 1660 war Flinck tot. "Er wäre weltberühmt geworden", sagt Valentina Vlasic, die die Ausstellung im Klever Museum Kurhaus zusammen mit van der Molen kuratiert. Später übermalte einer seiner Schüler eines der unvollendeten Bilder aus Wasserfarbe mit Ölfarbe. Es hängt noch heute im Königspalais.

Flinck war nur 45 Jahre alt geworden und hinterließ ein Werk von mehr als 230 Bildern. 70 seiner Arbeiten werden in Kleve zu sehen sein, 30 Gemälde, 30 Zeichnungen und Grafiken und zehn Werke aus der Sammlung des Klever Museums. Die Bilder kommen aus berühmten Museen und Sammlungen in den USA, aus Russland, den Niederlanden, Dänemark, Frankreich und Belgien. Es wird die erste große Flinck-Ausstellung nach 50 Jahren sein. Damals holte Kleves Muse-umschef Dr. Friedrich Gorissen die Bilder noch selber ab. Aufgestellt und festgezurrt in seinem VW-Bus. Heute werden Klimakisten verlangt, einzelne Werke werden gar besonders beschützt.

1615 wurde Flinck in Kleve geboren, kam mit 15 Jahren nach Leewarden, wurde später Schüler bei Rembrandt und lebte in einem der Häuser nahe der Gracht. In Amsterdam zählte er bald zu den Meistern, die en vogue waren, malte große Schützenbilder. In der Klever Ausstellung wird eine große Vorskizze zu einem Schützenbild dabei sein.

Flinck hatte eine klassische akademische Malerausbildung, skizzierte und zeichnete nach der Natur, komponierte dann seine Bilder. Für Bilder wie "Bathseba im Bade" mussten er und seine Kollegen Aktstudien malen - was für Frauen der Amsterdamer Gesellschaft nicht erlaubt war. Für Flinck und zwei weitere Maler saß eine Margaretha van Wullen 1657 Modell. Es kam zum Skandal, als sie einen Mann heiraten wollte, er sie jedoch in den Bildern als Aktmodell erkannte. "Das ist aktenkundig, und deshalb wissen wir, dass Wullen Flinck-Modell war", sagt Vlasic. Auch Wullens Studien werden in Kleve zu sehen sein.

Flinck war zweimal verheiratet, hatte einen Sohn. Mit seiner Frau Ingitta Tovelingh kletterte er bei einem Besuch in seiner Heimatstadt auf den Schwanenturm. Als Ingitta später starb, wurde sie autopsiert - so wie das Testament es vorschrieb. Das Ergebnis: Sie soll an Wassersucht gestorben sein, sagt Vlasic. Der Arzt war jener Dr. Nicolaes Tulp, den heute jeder aus Rembrandts berühmtem Gemälde kennt. Es scheint Flincks Schicksal zu sein, dass immer der Schatten Rembrandts auf ihn fällt. Das möchte die Klever Ausstellung, die am 4. Oktober eröffnet wird, ändern - und Flinck ins Zentrum stellen.

(RP)
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