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Kapaunenberg: Das Wohnzimmer der St.-Sebastianer in Emmerich

Serie Mannis Museum : Das „Wohnzimmer“ der St.-Sebastianer

Mit viel Eigeninitiative und Manpower wurde das Schützenhaus Kapaunenberg nach dem Krieg wieder aufgebaut.

Im 19. Jahrhundert wurde mit dem Wiederaufleben der patriotischen Gesinnung auch der Wehrgedanke neu belebt – es bildeten sich Schützengesellschaften. 1851 schlossen sich in Emmerich die wehrfähigen Bürger zu einem Bürgerschützenverein zusammen. Ein Jahr später fand das erste Schützenfest in der Gaststätte van Husen an der Wassenbergstraße statt. Der Besitzer des Gasthauses und Mitbegründer des Schützenvereins, Theodor van Husen, wurde der erste Schützenkönig. Den Schützenball veranstalteten die Bürgerschützen im Saal der Geschwister Reis, der späteren Gastwirtschaft „König von Preußen“, am Steintor.

Unzufrieden mit dem zu sehr auf sich bedachten Gastwirt zu Speelberg, bei dem die Schützen einige Jahre lang ihr großes Fest feierten, kam die Idee auf, ein eigenes Schützenhaus zu bauen. Everhard van Nüss, der 1882 das Steuer des Vereinsschiffes übernahm, erwarb an der Speelbergerstraße im Jahr 1891 ein großes Grundstück. Den Kauf konnte er nur wagen, weil einige Mitglieder mit ihrem gesamten, durch Handwerkerfleiß erworbenen Hab und Gut, Bürge standen. Noch im selben Jahr wurde mit dem Bau begonnen, es entstanden ein Wirtschaftsraum, ein Saal mit einer geschlossenen Veranda und eine Schießhalle – insgesamt umfasste der Bau 582 Quadratmeter. Beim ersten Schützenfest im neuen Domizil im Jahr 1893 wurde Johann Meulemann, Schreinermeister aus der Baustraße, Schützenkönig.

 im Jahr 1970
im Jahr 1970 Foto: Mannis Museum
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Der Kapaunenberg, im Volksmund „den Bölt“ genannt, wurde von jetzt an Mittelpunkt, Ausflugs- und Aufenthaltsort aller Bürgerschützen. Die Schützen pflegten ihr Haus und spendeten Dinge zur Verschönerung, unter anderem stiftete Peter Littgen ein künstlerisch wertvolles Glasfenster für den Saal. Beim letzten Schützenfest vor dem Ersten Weltkrieg errang Johann Dickerboom die Königswürde. 1920 wurde wieder am Kapaunenberg gefeiert unter großer Anteilnahme der Bevölkerung.

 2002: Free-Fight-Wettkampf
2002: Free-Fight-Wettkampf Foto: Mannis Museum

Im Zweiten Weltkrieg fielen etliche Schützenkameraden und das Schützenhaus am 7. Oktober 1944 den Bomben zum Opfer. Der Bürgerschützenverein wurde nach dem Krieg in St. Sebastian-Schützenbruderschaft umbenannt. Das erste Nachkriegsschützenfest wurde 1947 mit einem Armbrustschießen veranstaltet.

Baugutscheine über 10 DM sollten den Wiederaufbau des Schützenhauses mitfinanzieren. Am 11. Juni 1948 fand die feierliche Grundsteinlegung zum Neubau des Bölt statt. Der Vorstand erstellte einen Stundenplan, der an alle Schützenkameraden ging. „Zuerst recht herzlichen Dank für Eure bisher vorbildlich geleistete Arbeit auf dem Kapaunenberg. So muss es weitergehen!“ hieß es in dem Schreiben von „König Karl van Beek, den Drohtnägel“ im Jahr 1949. „Mit den weiteren Betonierungsarbeiten soll Ende September/Anfang Oktober begonnen werden. Die Dachkonstruktion trifft in den nächsten Tagen ein. Setzen wir alle unsere Ehre darin, das begonnene Werk fortzusetzen und zu vollenden. Keiner möge fehlen!“ Die Bauleitung übernahm Architekt Paul Maria van Aaken. Der Bau wurde in Klinkersteinen ausgeführt. Das Dach wurde von einer Eigenkonstruktion getragen. Der Saal mit einer Nutzfläche von 42,35 mal 22 Metern bot rund 1000 Menschen Platz. Breite Fenster sorgten für viel Licht. Die für die 50er Jahre sehr moderne Bühne maß 12 mal 8 Meter. Im einem zweiten Bauabschnitt waren der Bau einer Tagesrestauration mit großem Keller, einer Wohnung für den Ökonomen, der Einbau einer Zentralheizung und die Erweiterung des Holzfußbodens im ganzen Saal – bisher war nur die Tanzfläche aus Holz – vorgesehen. Dazu kam die Gartengestaltung mit Kinderspielplatz und der Anbau für die Schießanlage.

1949 fand die Maifeier und das Schützenfest in einer großen Lagerhalle von Convent statt, geschossen wurde aber bereits auf dem Kapaunenberg. Am 21. Mai 1950 wurde das neue Domizil eingeweiht. Das musikalische Programm gestalteten Opernsänger Friedrich Kronenberger vom Stadttheater Oberhausen, Sopran Hanny Schlenkhoff, Studienrat Blazy am Klavier, der Männerchor Emmerich-Hüthum, das Blasorchester Emmerich und die Schützen-Tambourkapelle. Beim ersten Schützenfest im neuerbauten Saal wurde der erste Direktor Willy Convent König. „Diese große Werk - unser Schützenhaus - zu schaffen, einmalig am unteren Niederrhein, war wirklich eine große Tat. Wie viel unermüdliche, stille Kleinarbeit war nötig, bevor im Jahr 1949 mit dem Wiederaufbau auf dem Kapaunenberg begonnen werden konnte. Die Schützenkameraden, ungeachtet ihrer eigenen Sorgen um Wiederaufbau und Existenz, legten selbst Hand an, griffen zur Spitzhacke und Schaufel, kamen mit Wagen und Pferd und Lastkraftwagen, um im freiwilligen Arbeitsdienst und unentgeltlich den Kapaunenberg, den Bölt, von Schutt und Trümmern zu befreien“, so steht es in der Chronik der St. Sebastianer. Auch heute noch kümmern sich die Schützen um ihr Haus. Erst vor kurzem wurden die Toiletten- und Waschräume komplett saniert. Zahlreiche Feste und Veranstaltungen beleben seitdem das Schützenhaus. Im Februar 1952 fand ein Preis-Maskenball gemeinsam mit dem VfB Rheingold statt, 1958 ein großes Kappenfest. Neben Hunderten von Karnevalssitzungen wurden hier 70er/80er-Partys, Silvester-, Altweiber-, Senioren- und Abifeiern veranstaltet, aber auch außergewöhnliche Veranstaltungen wie Geflügelschau oder Box- und Freefight-Wettkämpfe durchgeführt.