Interview mit dem Bürgermeister von Rees, Christoph Gerwers

Interview Christoph Gerwers : „Haldern wird 2020 Großbaustelle“

Das Reeser Rathaus beschäftigt sich derzeit mit vielen Umweltthemen. Die Betuwe bindet viele Ressourcen.

Das Thema Umwelt beschäftigt zunehmend auch die Reeser Politik, wie man beispielsweise an den Diskussionen um die Photovoltaik sieht. Wie ist die Stadt Rees dabei insgesamt aufgestellt?

Christoph Gerwers Bei den regenerativen Energien sieht es ganz gut aus. Wir haben Konzentrationszonen für Windkraft geschaffen. An zehn Standorten im Stadtgebiet wurden leistungsstarke Windräder errichtet, die mit 63,3 Millionen Kilowattstunden im Jahr mehr als doppelt so viel Strom produzieren wie wir in Rees verbrauchen. Wir könnten theoretisch sogar noch Emmerich mitversorgen. Es gibt aber sicherlich auch Bereiche, in denen wir noch mehr tun können und wollen.

Welche zum Beispiel?

Gerwers Ganz aktuell beschäftigen wir uns mit dem Bürgerantrag von Marco Franken und wollen schauen, wie wir als Stadt insektenfreundlicher werden können. Da können wir selbst einiges tun, aber auch die Bürger dafür sensibilisieren, dass man schon mit kleinen Maßnahmen viel erreichen kann.

Wie sieht es beim Thema Verkehr aus?

Gerwers Da gilt im Prinzip das Gleiche. Auch hier muss das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass man nicht immer das Auto nehmen muss, wenn man beispielsweise zum Bäcker fährt. Das Thema Fahrrad ist ohnehin hoch spannend, wenn man die Anreize verbessert. Da sind wir am Ball, etwa mit der Kampagne Stadtradeln, die gerade zu Ende gegangen ist, aber im kommenden Jahr wieder von uns durchgeführt wird. Beim ÖPNV ist unser Einfluss leider gering. Wir sind zwar im Beirat der Niag vertreten, haben aber nur beschränkte Einflussmöglichkeiten.

In anderen Kommunen ist jetzt der Klimanotstand ausgerufen worden, um Auswirkungen politischer Entscheidungen auf die Umwelt zu verdeutlichen. Wäre das eine Option für Rees?

Gerwers Das ist in erster Linie eine politische Entscheidung, die vom Rat zu treffen ist. Ich bin allerdings der Auffassung, dass es für den Klimaschutz wichtig wäre, Verbesserungen durch konkrete Maßnahmen zu erzielen und einen pragmatischen Ansatz zu wählen, statt Symbolpolitik zu betreiben. Damit sind wir in Rees immer gut gefahren.

Zum Thema Umwelt gehört ja auch der Bereich Abgrabungen. Kritiker werfen Ihnen, aber auch Teilen der Reeser Politik vor, sich trotz des Ratsbeschlusses nicht eindeutig genug gegen die Auskiesungen zu positionieren und verweisen zum Beispiel auf den Kreis Wesel, der sich gegen den Landesentwicklungsplan stellt. Und sie fragen sich, warum die Stadt Rees sich dem nicht anschließt.

Gerwers Es wäre einfach, wenn wir uns jetzt bei einem in Auftrag gegebenen Gutachten kostenmäßig beteiligen würden, nur um sagen zu können, wir sind gegen Abgrabungen. Aus meiner Sicht ist das eher Verschwendung von Steuergeldern, weil der Landesentwicklungsplan, von dem Sie sprechen, für uns aktuell keine Bedeutung hat. Für die Reeser Welle hat der LEP gar keine Auswirkungen, weil wir dafür bereits einen gültigen Regionalplan auf der Grundlage des alten Gebietsentwicklungsplans von 1999 haben. Wir haben in Rees, was die Auskiesungen anbelangt, einen einstimmigen und klaren Ratsbeschluss. Aber es ist nicht die Aufgabe der Verwaltung und des Bürgermeisters, sich vor die Bagger zu werfen, wenn der Kreis Kleve das Vorhaben genehmigen sollte. Und ob es überhaupt so weit kommt, bleibt ja auch erst einmal abzuwarten.

Apropos warten, wie sieht es eigentlich bei der Betuwe aus?

Gerwers Haldern wird im nächsten Jahr eine Großbaustelle. Ab Sommer 2020 sollen 30 Millionen Euro verbaut werden. Das Warten vor den Schranken an der Bahnhofstraße hat dann hoffentlich ab 2023 ein Ende. Das bedeutet für Haldern eine enorme Verbesserung.-Weil das so ein großes Projekt ist, werden bei uns in der Verwaltung, vor allem im Bauamt, allerdings auch viele Ressourcen gebunden.

Wie sieht es in Millingen aus? Für den Ortsteil soll es bekanntlich auch ein Dorfentwicklungskonzept geben.

Gerwers Die Pläne für die Ortsumgehung sind schon sehr konkret. Sie wird zuerst kommen, dann werden die Bahnübergänge geschlossen. Was mich für Millingen sehr freut, ist, dass sich das Wohngebiet Rückenbuschfeld sehr positiv entwickelt. Für das Dorfentwicklungskonzept sollen Arbeitsgruppen gebildet werden. Da müssen wir schauen, welche Folgen die Trennung durch den geschlossenen Bahnübergang an der Hauptstraße und die Ortsumgehung für Millingen haben werden. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass solche Werkstattgespräche immer sehr positiv sind. Ich bin sicher, dass dabei für Millingen etwas Gutes herauskommen wird.

Auf einen positiven Effekt hoffen ja viele auch beim Thema Stadtgarten-Quartier am Delltor am ehemaligen Niag-Gelände. Wie ist da der Stand der Dinge?

Gerwers Ich gehe davon aus, dass es im Frühjahr 2020 mit den Abrissarbeiten losgeht. Und ich bin mir sicher, dass Rees enorm von diesem Projekt profitieren wird, was den Wohnraum, aber auch den Einzelhandel anbelangt. Aber auch städtebaulich ist das eine einmalige Chance für den historischen Stadtkern. Dass auch dieser Aspekt dem Investor persönlich wichtig ist, ist geradezu ein Glücksfall für uns.