Interview mit dem Autor Holger Doetsch

Interview Holger Doetsch : Keine Erinnerungskultur wie in Deutschland

Der Berliner Schriftsteller Holger Doetsch liest am kommenden Dienstag, 9. April, um 20 Uhr in der Stadtbücherei Rees aus seinem Kambodscha-Roman „Das Lächeln der Khmer“.

Was fasziniert Sie an Kambodscha?

Holger Doetsch Die wunderbaren Menschen auf der einen Seite und die schreckliche Vergangenheit des Landes, eng verbunden mit den Verbrechen der Roten Khmer in den 70er Jahren, auf der anderen Seite.

Ihr Roman hinterfragt, wie sich in einem friedlichen Land eine blutige Terrorherrschaft ausbreiten konnte…

Doetsch Pol Pot und seine Verbrecherbande wollten mit Gewalt einen primitiven Bauernstaat errichten. Dabei hätten sie sich eigentlich als erste umbringen müssen. Sie waren Intellektuelle, haben zum Teil in Paris studiert. Das ist absurd. Doch die einfachen Menschen haben das damals nicht hinterfragt. Sie waren bitterarm und warteten auf starke Leute, die ihnen ein besseres Leben ermöglichen.

Mit welchen Folgen?

Doetsch Dass es in Kambodscha einen Völkermord mit zweieinhalb Millionen Opfern gab. Die Roten Khmer haben nicht nur die Infrastruktur und die Kultur des Landes zerstört, sondern auch die Familien, das Vertrauen, das Leben. Die Folgen sind bis heute spürbar. Es gibt noch immer unfassbare Armut, nicht selten nur wenige Kilometer entfernt von Touristenmagneten wie Angkor Wat oder vom Zentrum der Hauptstadt Phnom Penh.

Die Hauptfigur Ihres Buches heißt Christian Springer. Wie viel von Ihnen steckt in ihm?

Doetsch Genau 97,43 Prozent (lacht). Aber im Ernst: Vieles, was ich in meinem Buch beschreibe, habe ich selbst erlebt und manchmal auch erlitten. Der Roman fiktioniert quasi die Wirklichkeit, weil ich Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte realer Personen nehmen wollte. Wichtig ist mir aber, dass ich alle Schauplätze der Geschichte besucht habe. Auch die beiden Interviews mit einem General der Roten Khmer fanden tatsächlich statt.

Wie gehen die Opfer und Täter von damals heute mit der Geschichte um?

Doetsch Die meisten Alten wollen nicht darüber reden, sondern die Vergangenheit verdrängen. Den meisten Jungen ist der Blick nach vorne wichtiger. Eine Erinnerungskultur wie in Deutschland gibt es in Kambodscha nicht einmal ansatzweise. Immerhin steht die schlimme Zeit inzwischen in den Lehrplänen der Schulen. Die Frage ist nur: Wer unterrichtet das? Nicht selten sind die Mörder von damals die Lehrer von heute.

Ist das titelgebende „Das Lächeln der Khmer“ sozusagen ein Trotz-Lächeln?

Doetsch Es ist das gütige Lächeln, das mir bei meinen Reisen durch Kambodscha vielerorts begegnet ist, und wofür ich dankbar bin. Es gibt kaum etwas Schöneres, als das gütige Lächeln eines buddhistischen Mönchs zu empfangen.