Emmerich: Hoffen auf Los-Glück beim Amts-Bingo

Emmerich: Hoffen auf Los-Glück beim Amts-Bingo

65 Flüchtlinge zogen gestern jeweils ein Kärtchen, das ihnen einen Gesprächstermin bei der Kreis Klever Ausländerbehörde verschaffte. Frühmorgendliches Warten ist ab jetzt unnötig - das wissen aber noch nicht alle.

In den zwei Jahren, die Mohammed inzwischen in Deutschland lebt, hat der 18-jährige Syrer eine Menge über das Land gelernt, das ihm zumindest vorerst Asyl gewährt. Als unbegleiteter Flüchtling kam er nach Goch, fand freundliche Aufnahme, lernte Deutsch, machte seinen Schulabschluss. Beinahe fühlt sich der junge Mann schon zuhause am Niederrhein. Nur was er mit Behörden erlebt, das gefällt ihm gar nicht. Stundenlang muss er beim Ausländeramt warten, um seinen Pass abzuholen. Seit gestern wäre es zwar nicht mehr nötig, vor Morgengrauen zu kommen, aber das hat sich noch nicht herumgesprochen. Trotz des Losverfahrens treffen seit drei Uhr unausgeschlafene, verfrorene Menschen ein.

"Ich hab' bei einem Kumpel in Kleve geschlafen, denn so früh am Morgen fährt noch kein Bus", erzählt Mohammed. Die Mitarbeiter vor Ort haben ihm erklären können, wie das neue Verfahren abläuft, und er hat sich wie die anderen Männer und Frauen ruhig in den geheizten Warteraum gesetzt. Jeder zog ein Zettelchen, das allerdings nur für die interne Zählung gedacht war - gestern wurden 65 Ratsuchende erfasst. Um sieben gab es dann die versprochenen Lose. Wer schon mal Bingo gespielt hat, kennt das Verfahren: In Abständen wird eine Zahl gezogen und auf eine Tafel geschrieben - wer das Gegenstück vorweisen kann, hat gewonnen. Nämlich einen Gesprächstermin im Laufe des Tages. Mohammed hat die Nummer 10 und setzt auf sein Glück. Das hat er schließlich auch bei der Flucht aus Syrien gehabt. Da er an diesem Vormittag noch eine Physik-Arbeit schreibt, hofft er, dass sein Termin früh genug liegen wird. Bis dahin raucht er draußen und wärmt sich drinnen - immer abwechselnd. "Da drin gibt es Wasser und ein Klo, es ist okay", sagt er.

Scham, ein 20-jähriger Bekannter, ist froh, zwischendurch mal einen Tee zu bekommen. Allerdings nur draußen, denn die Freiwilligen, die Heißgetränke aus ihrem privaten Pkw heraus anbieten, dürfen nicht rein ins Gebäude. Journalisten auch nicht. Sicherheitsleute - übrigens sehr freundlich und verständnisvoll - achten darauf, dass alle Regeln eingehalten werden.

  • 5.30 Uhr, -3 Grad : Menschen warten stundenlang vor Klever Ausländerbehörde

Roland Katzy und seine Frau Sonja engagieren sich seit seit Tagen intensiv, stehen sich solidarisch mit den Migranten die kalten Füße in den Bauch, verteilen Getränke und Kekse. Sie bleiben dabei nach außen hin erstaunlich gelassen, wenngleich Sonja Katzy-Leijenhorst sich darüber wundert, dass sie aus dem Haus nicht einmal heißes Wasser holen darf, um mehr Tee zubereiten zu können. Helmut Büttner, ein weiterer Integrationshelfer, formuliert seinen Unmut vorsichtig. "Als Ehrenamtler erleben wir bei den Behörden regelmäßig, allenfalls geduldet zu werden. Wir sind lästig und bekommen das zu spüren." Der Rentner hat an diesem Morgen bereits Zeitungen ausgetragen und hilft nun den Flüchtlingen. Minus acht Grad sind's heute. "Ich hab' mir extra Mütze und Schal gekauft", erzählt Wasim. Der Afghane lebt in Emmerich und macht dort eine Ausbildung zum Restaurantfachmann. Um 12 Uhr beginnt sein Dienst, wenn seine Nummer bis dahin nicht gezogen ist, muss er wiederkommen. Er füllt ein Formular aus, das ihm einen späteren Termin bescheren wird. Seinen Arbeitgeber will er auf keinen Fall verärgern. Bakim, Algerier aus Goch, ist, weil sein Rad kaputt ist, in seinen dünnen Turnschuhen mitten in der Nacht sogar zu Fuß aus Goch nach Kleve gelaufen. Seine Zähne und ein in Kriegszeiten falsch operierter Arm sind in so schlechtem Zustand, dass die Ärzte ihm dringend zu teuer Behandlung raten. Das geht nicht einfach so - das Anliegen muss er beim Ausländeramt vortragen.

Oder der 24-jährige Iraker, der seinen Namen lieber nicht nennt. Er will eine Deutsche heiraten. Nicht nur, weil er dann hier bleiben kann, versichert er. Weil er bei der Kleverin übernachten konnte, brauchte er am Morgen nicht ganz so früh raus. Aman aus Pakistan und alle die anderen, die ab Mitternacht im Warteraum campierten, müssen das eigentlich auch nicht mehr. Um kurz vor sieben da sein, um eine Nummer zu bekommen, genügt von jetzt an. Das muss sich nur herumsprechen. Kreis-Sprecherin Ruth Keuken verweist auf Informationen auf der Homepage des Kreises. Die gibt es nur in deutscher Sprache - "weil Deutsch Amtssprache ist". Aushänge - etwa in arabischer Sprache, in Französisch oder Englisch - sind nicht vorhanden. Sollten auch weiterhin Menschen schon in der Nacht kommen, werde der Wartebereich, der offiziell um sechs Uhr aufgeschlossen wird, auch weiter schon früher geöffnet. Keuken: "Das entscheiden wir von Tag zu Tag."

(RP)