1. NRW
  2. Städte
  3. Emmerich

Heilig-Geist-Kirche in Emmerich wird zum Licht-Atelier

Kultur : Heilig-Geist wird zum Licht-Atelier

Künstler Oliver Kretschmann hat derzeit eine Aktion in der leer stehenden Emmericher Kirche.

(RP) Als Oliver Kretschmann in der zweiten Märzwoche den Kontakt mit der Kirche wegen einer Projektion auf dem Fastentuch aufnahm, war noch nicht die Rede von den Sicherheitsmaßnahmen gegen die Corona-Pandemie. Nun steht die Kirche leer und der Lichtkünstler kann alleine vor sich hin werkeln. „(…) beim gegenüberliegenden Blumenladen “Tück” [ist] ein Schlüssel hinterlegt, der dort bei Bedarf erfragt werden kann.“ So steht es auf der Internetseite des virtuellen Rundgangs der Heilig-Geist-Kirche. Eben dieser Schlüssel ist aktuell mit Erlaubnis von Pfarrer de Baey in den Händen von Oliver Kretschmann, der die leerstehende Kirche nun „für sich alleine hat“ und mit seinen Lichtprojektionen experimentieren kann. Sein Interesse richtet sich dabei vor allem auf die Wandgestaltung des Malers Fred Thieler. Erstmalig aufgefallen ist ihm der Künstler (* 17. März 1916 in Königsberg; † 6. Juni 1999 in Berlin) in der Berlinischen Galerie – Museum für moderne Kunst sowie im Märkischen Museum in Witten, wo er Teil der dauerhaften Sammlungspräsentation ist. Als Mitglied der Evangelischen Gemeinde war Kretschmann Heilig-Geist nicht sonderlich vertraut. Erst im Zuge der Beschäftigung mit Thieler, der auch das Altarbild der St.-Bonifatius-Kirche in Berlin Kreuzberg gestaltet hat, erfuhr der damals 24-Jährige von den großen Arbeiten in Emmerich. Für ihn ist die Kirche ein Gesamtkunstwerk und ein absolutes Highlight der Stadt, das seiner Meinung nach viel mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung verdient. Vielleicht gelingt ihm das im Ansatz mit seinen Projektionen, Fotos und Aktionen.

  • Blick auf das Willikensoord-Heim
    Emmerich/Rees : Corona-Tests im Willikensoord
  • Bundesaußenminister Heiko Maas.
    China muss Kritik einstecken : Maas nennt korrigierte Corona-Zahl aus Wuhan "besorgniserregend"
  • Mit diesem Plakat wirbt die Stadt
    „Drive-in-Comedy“ in Kaarst : Live-Kabarett im Auto erleben

Die außergewöhnliche Architektur der Kirche, das berühmt-berüchtigte Schrottkreuz von Waldemar Kuhn und eben Thielers Wände bilden ein interessantes Dreigespann der Kunst der 60er Jahre. Zu der Zeit entstanden auch die sogenannten Liquid Light Shows (dt. „flüssige Lichtshows“) in Amerika und England mittels Overheadprojektoren, die die Live-Auftritte der damals neuartigen psychedelischen Bands untermalten. „Emmerican Void“ knüpft daran an, ohne es zu kopieren.

Der oftmals flüssige, abstrakte und zerklüftete Charakter von Kretschmanns Projektionsbildern hat einen direkten Bezug zur informellen (gegenstandslosen) Malerei, wie sie Thieler praktizierte. Und die raumauslotenden, atmosphärischen und geschichteten Klänge von Bisselink, die er mit E-Gitarre, Mundharmonika, seiner Stimme und diversen Effektgeräten erzeugt, korrespondieren mit der Umgebung und der Projektion. Beides zusammen suggeriert eine gewisse Weite, Einsamkeit und Bedrohlichkeit, wie sie in eben diesen unheimlichen Zeiten von Corona vorherrscht. Aktuell nähert sich Kretschmann in seiner Projektion Thielers Technik und Bildwelt in Heilig-Geist an. Anstelle von Nesselstoff kommt klarsichtige Plastikfolie zum Einsatz. Der scharfkantige Faltenwurf wird mit einer zweiten Glas- anstelle einer Holzplatte erzeugt. Und für die Farbe brauch es keine Gießkanne, sondern reicht eine Pipette.

Was Thieler auf einer Fläche von über 600 Quadratmetern geschaffen hat, ahmt Kretschmann auf wenigen Quadratzentimetern am Projektor nach und strahlt es dann großflächig auf das Fastentuch, die Wände und den Sichtbeton. Die ersten Versuche vor Ostern waren schon vielversprechend. Die große Herausforderung für Kretschmann ist nun, eine möglichst gänzliche Ausleuchtung des Innenraums, sodass alles erstrahlt und miteinander verbunden wird.