Haldern Pop: Von wegen Schülerband: Echte Pop-Perlen von Nilüfer Yanya

Rein augenscheinlich hätten Nilüfer Yanya und ihre dreiköpfige Band auch eine Schülerband aus der Gegend sein können. Die 23-jährige Londoner Songwriterin flitzte vor ihrem Gig noch durchs Treppenhaus des Halderner Jugendheims, bevor sie ein exklusives Konzert für 220 Festivalbesucher spielte.

Ihre Mitmusiker an Saxophon, Bass und Schlagzeug wirkten wie ein paar befreundete Teens, die sich für eine Show zusammengefunden haben. Doch Yanya und Co. hatten keine geschrammelten Coversongs im Gepäck, sondern clever arrangierte Pop-Perlen. Unter den Augen des Porträts von Gerhard Storm jonglierten die jungen Musiker mit eingängigen Grooves und flotten Licks.

Die zahlreich anwesenden Fans quittierten die ersten Takte von Songs wie „Golden Cage“ und „Keep on Calling“ mit freudigen Rufen. So mancher versuchte auch das Mitklatschen in Vierteln, was bei der rhythmisch versierten Musik eigentlich keine gute Idee ist.

Die Band, die sich sichtlich über den herzlichen Empfang freute, nahm es sicher nicht übel, denn die vorherrschende Emotion am ersten Tag des Haldern Pop Festivals war die Euphorie.

Kleinkinder mit obligatorischem Gehörschutz spielten im Schlamm, während die Eltern vergnügt gen Hauptbühne blickten. „Public Service Broadcasting“ fackelten nicht lange und spielten ihre treibenden Rock-Nummern, für die man sie in Haldern kennt und schätzt.

Die Truppe um J. Willgoose nutzt auch Software, um die komplexen Arrangements auf die Bühne zu bringen, spielte aber in einer für Haldern ungewöhnlich großen Besetzung mit Bläsern.

Prinzipiell präsentiert sich das Haldern Pop in diesem Jahr wieder als ein Mekka für Wertschätzer guter Bands, ohne moderne Spielarten und Performance-Konzepte auszuschließen.

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So bot sich beispielsweise am Donnerstagabend die Möglichkeit, erst dem reduzierten Set von Philipp Poisel zu lauschen und sich daraufhin Rave-Feeling bei „Rival Consoles“ im Spiegelzelt abzuholen. Hinter dem Namen verbirgt sich Produzent Ryan Lee West. Die durchgestylten Beats wirken am nächsten Morgen vielleicht etwas unterkühlt, funktionierten in der nächtlichen Atmosphäre aber einwandfrei.

 Am Folgetag ging es mit „Canshaker Pi“ im Spiegelzelt und „The Slow Readers Club“ auf der großen Bühne mit viel Energie weiter. Erstere kommen aus den Niederlanden und spielen ziemlich eingängigen Pop, allerdings mit einer gehörigen Portion Krach.

„Slow Readers Club“ aus Manchester kamen mit ihrem Synthesizer-lastigen Rock ebenfalls gut an, wirkten aber nach der Vorabend-Show von „Dirty Projectors“ nahezu puristisch. Songwriter und Studio-Frickler David Longstreth mühte sich an allerlei durchgeknallten Gitarrenriffs ab und überließ oft den Damen an Gitarre, Percussion und Wurlitzer-Klavier das Spotlight.

Während man sich am ersten Tag in der musikalischen Zukunft wähnen durfte, stand der Freitag im Zeichen der Nostalgie. Seun Kuti erweckte mit der Kombo „Egypt 80“ den unsterblichen Vibe des Afrobeat, als dessen Pionier sich schon sein berühmter Vater Fela hervor getan hat.

Curtis Harding – er bespielte nach „De Staat“ die Hauptbühne – trat mit der Leidenschaft eines Otis Redding ans Mikrofon, mischt das klassische Soul-Feeling aber mit allerlei Versatzstücken aus Funk und Rock.

„DJ St. Paul“ vollendete nach den Shows der Hochkaräter „Villagers“ und Nils Frahm den Abend mit einem zweistündigen Set, wobei von flotten Disco-Nummern bis obskurem Post Punk alles möglich war.

(jbr)
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