Haldern Pop kann auch Schlager

Haldern: Haldern Pop kann auch Schlager

Vielfalt beim Festival ist keine Überraschung, sondern Programm. Aber dass auch Gassenhauer funktionieren, das war dann wirklich neu.

Spätestens als Stefan Florian ein beherztes „Guten Abend, Haltern Pop!“ ins Spiegelzelt schmetterte, blieb kein Auge mehr trocken. Der „Udo-Jürgens-Sänger aus Kaltern“ (Zitat: Hauptbühnen-Moderator Hein Fokker) glaubte keineswegs, er sei im Kreis Recklingshausen gelandet, sondern war nach einem herzlichen Empfang von Gefühlen übermannt.

DJ St. Paul hatte am Freitagabend ein gutes Stück seiner zweistündigen Bühnenzeit zur Verfügung gestellt, was das Publikum dankbar als Anlass für eine spontane Schlagerparty führte. Gassenhauer wie „1000 Jahre sind ein Tag“ und „New York, New York“ veranlassten zum ausgelassenen Mitsingen.

Energiebündel aus den Niederlanden: De Staat spielten ein unglaubliches Set. Foto: Thomas Binn (binn)

Dass Florian vor dem Auftritt ausgesprochen nervös gewesen sein soll, ist rückblickend eigentlich kaum zu glauben. Schließlich war der Besitzer der Kalterner Kultkneipe „Zum lustigen Krokodil“ bei seinem samstäglichen Zusatzgig im Niederrheinzelt nur noch durch einen Stromausfall zu stoppen.

Hier hatten zuvor Leonie Burgmer und Tom Boller aus Essen dem packenden Auftritt von „Terra Profonda“ gelauscht. Boller kommt ursprünglich aus der Gegend und kommt traditionell fürs Festival ins Lindendorf, Studienfreundin Burgmer war hingegen zum ersten Mal dabei. „Die Atmosphäre auf dem Halderner gefällt mir super. Wir ziehen jetzt weiter zur Hauptbühne mit Jenny Lewis“, sagte sie, während der erdige Blues von Terra Profonda verklang.

Folkrock aus Norddeutschland, der gar nicht nach dem kalten Norden klang: Someday Jacob im Jugendheim. Foto: Thomas Binn (binn)

Lewis betitelte sich in Bezug auf ihren türkisen Fransenanzug als „Party-Clown“ und lieferte mit ihrer sensationellen Band den Sound für ein Reigentänzchen, der spontan auf dem Acker choreographiert wurde. Die Mischung aus Sonnenschein und Country-Folk war eine Wohltat, genau wie die anschließende Rock-Show von „The Lemon Twigs“.

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Für die beiden blassen Brüder Brian und Michael D’Addario hat Rockmusik seine Hipness nie eingebüßt. Sowohl ihre Garderobe als auch ihre Einflüsse beziehen die beiden offensichtlich aus den 70ern Jahren. Die talentierten Jungstars sind aber weit mehr als nur ein Revival-Act. Gute Songs mit aberwitzigen Vokalharmonien und spannenden Gitarrenparts ließen ihre einstündige Show viel zu schnell vorübergehen. Das wilde Pendant zum gesitteten Paartanz bei Jenny Lewis war der Pogo zu „King Gizzard and the Lizard Wizard“.

Schlager bei Haldern Pop: Stefan Florian war nicht zu stoppen, die Fans begeistert. Foto: Latzel

Die rifflastige Musik der siebenköpfigen Band aus Melbourne rollte wie eine klanggewaltige Eisenbahn durch das Publikum und wurde in Verbindung mit psychedelischen Projektionen zum immersiven Erlebnis. Prinzipiell hatten viele Acts des diesjährigen Pop einen durchaus experimentellen Anstrich: „Landlady“ begeisterten in der Pop Bar mit ihrem unnachahmlichen Space Rock, „Schnellertollermeier“ im Spiegelzelt mit Krautrock-Feeling und „Sleaford Mods“ mit Punk-Rock zu harten Beats aus der Konserve.

Ausgesprochen erwähnenswert war auch die Hip-Hop-Challenge des Ensembles „Stargaze“ am frühen Freitagabend. Neben raffiniert instrumentierten Beats gab es Gastauftritte aller Sprechgesangsartisten, darunter „Astronautalis“, „Sampa The Great“ und natürlich die Haldern-Lieblinge von „The Lytics“. Letztgenannte animierten nahezu das gesamte Spiegelzelt zum Mitfeiern und Mitspringen zu Hits wie „Ring my Alarm“. Acts wie „De Staat“, Nils Frahm und Phoebe Bridgers haben sicher neue Fans gewonnen, während die Deutschrock-Veteranen von „Kettcar“ eher für ihre Klientel spielten.

Wieder viel zu früh endete das Haldern Pop Festival, als Ariel Pink mit „Another Weekend“ den hallgefluteten Abgesang auf drei Tage voller Musik und Erlebnisse ablieferte.

Vielleicht nimmt ja der ein oder andere neben Campingzubehör und Leergut auch ein Stück „Mehrsamkeit“ mit nach Hause.

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