Haldern Pop Festival 2018: Haldern feiert mit Pop-Büffet

Haldern Pop: Haldern feiert mit Pop-Büffet

Volles Programm im Lindendörfchen: Neben Gotteshaus, Jugendheim und Pop Bar wurde vom ersten Tag an die Hauptbühne bespielt, wie beim letzten „unrunden“ Jubiläum im Jahr 2008.

Wer es in den vergangenen Jahren nicht rechtzeitig in die St.-Georg-Kirche schaffte und die erhabene Stimmung der Eröffnungskonzerte versäumte, wurde jetzt mit einem üppigen Pop-Büffet in der Dorfmitte entschädigt. Neben altbewährten Hausgerichten (Cantus Domus, Villagers, Fink, Gisbert zu Knyphausen) gibt es dieses Mal besondere Delikatessen. „Dirty Projectors“ beispielsweise eröffnen im Lindendorf ihre Europatour.

Die Band um Songwriter David Longstreth hat mit „Swing Lo Magellan“ einen der stärksten Songs der Nullerjahre im Gepäck, hat ihren Schwerpunkt aber momentan auf eigentümlich instrumentierten Art-Rock-Experimenten. Aktuelle Singles stellen den Versuch dar, klassischen Pop-Appeal und vielfach manipulierte Klangfarben zusammen zu bringen. Dieses Vorhaben ruft durchaus Kritiker hervor, doch in Haldern tummeln sich vorwiegend erfahrene Pop-Feinschmecker. Die Tapfersten durften in der Pop Bar den Auftakt des rheinischen Avantgardisten Claus van Bebber probieren. Der gebürtige Appeldorner betreibt seit den 1970ern Klangperformance und eröffnete das Festival. Gemessen an dessen radikaler Klangkunst stellt das Wirken der Dirty Projectors bloß eine vorsichtige Modifikation altbekannter Pop-Sounds dar. Einer Vielzahl von Plattenspielern entlockte van Bebber viszeral wirksame Schallplattengeräusche, die entweder faszinieren oder in die Flucht schlagen. Archaisches Knarzen mischte sich mit Klangcollagen á la Walter Ruttmann. Wer die Klangexperimente von Krautrock-Bands wie „Neu!“ schätzt, konnte bei van Bebber ausgiebig in Wellen aus Lärm schwelgen. Die faszinierten Blicke der Barbesucher auf dem konzentrierten, in sich ruhendem Künstler ließen erkennen, dass es um mehr als nur Klang geht. Ein echtes Erlebnis war auch der intensive Gig von Tristan Brusch, dessen charismatische Darbietung euphorisch aufgenommen wurde. Der Gitarre spielende Sänger ist als Instrumentalist mit Acts wie Cro oder den Orsons verbandelt, hat aber auch als Solo-Act gewaltiges Potential. Der mit Raffinessen gespickte Synth-Pop brachte Bewegung in die Bar. Das Haldern-Pop-Publikum präsentierte sich gewohnt charmant. Als Brusch mit einer Show-Einlage sein Getränk umwarf, erstreckten sich aus der ersten Reihe helfende Hände. Schlagzeuger Matze Proellochs war sichtlich erfreut, als ein zum Dämpfen der Snare-Trommel zweckentfremdeter Jutebeutel mitten im Song von einem freundlichen Helfer an seinen angestammten Platz zurückgelegt wurde. Die Band dankte mit doppelter Zugabe. Newcomer „Tamino“ aus Belgien macht derweil den Auftakt in der Kirche. Die Debüt-EP „Habibi“ des jungen Songwriters wird bereits in beachtlicher Häufigkeit gestreamt. Seine Songs sind nicht bloß mit einer Prise Melancholie versehen, sondern durchweg elegisch. In der sakralen Atmosphäre schweiften die Gedanken an die jüngsten Verluste:

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Grant Hart, der 2014 noch sein Konzeptalbum in Haldern performte, starb Ende letzten Jahres. Schockierend waren auch die diesjährigen Nachrichten von den tragischen Todesfällen Scott Hutchinson und Joseph Maus. Heilsam wirkten da die Songs der irischen Songwriterin Lisa Hannigan. André de Ridder und seine klassisch ausgebildeten Musiker vom Ensemble „stargaze“ kleideten ihre Lieder in traumhafte Arrangements. Dem Auftritt waren ausgiebige Proben im Tonstudio Keusgen vorausgegangen. Beachtlich war auch der Auftritt von Nilüfer Yanya. Im Jugendheim kamen die Zuhörer in den exklusiven Genuss ihres charakteristischen Songwritings, das Versatzstücke von Jazz und Soul auf angenehm zurückhaltende Weise vereint. Große Vielfalt brachte auch das Abendprogramm an der Lohstraße. Quirlige Acts wie „Broen“ boten einen unterhaltsamen Kontrast zu alten Bekannten wie Philipp Poisel, der viele neue Songs im Gepäck hatte.

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