Haldern Pop 2018: Die Bands im Album-Check

Festival : Festival-Bands im Album-Check

RP-Re­dak­ti­ons­lei­ter Se­bas­ti­an Pe­ters hat sich die Al­ben der Hal­dern-Pop-Bands an­ge­hört. Das ist sein Ur­teil:

Seun Kuti & Egypt 80 - Black Times

Fela Kuti war der König des Afrobeat, sein jüngster Sohn Seun ist in diese Fußstapfen getreten und macht mit der Band des Papas weiter Musik. Seine Platte „Black Times“ will ein Manifest für den afrikanischen Kontinent sein, ein jeder der oft über acht Minuten Songs transportiert die Botschaft des Albumtitels, dass sich die Afrikaner aufmachen sollen in eine bessere Zukunft, gegen korrupte Eliten kämpfen, ihr Schicksal in die Hand nehmen. Natürlich klingt dieser mit vielen Bläsern und Gitarren (einmal von Satanta) aufgemotzte Afrobeat grundfröhlich, natürlich ist man als naiver Westeuropäer  leicht geneigt, in dieser Jazz-Soul-HipHop-Fusion eine reine Spaßmusik zu sehen. Wer aber intensiver reinhört, der spürt auch viel von der Wut des Künstlers.

Klingt nach: Fela Kuti, Carlos Santana
Punkte:4/5
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Dirty Projectors - Lamp it prose

Der Mann hinter dem Namen Dirty Projectors ist  David Long­streth, es ist sein Projekt, er hat sich aber mit Künstlern wie Haim, The Internet und Robin Pecknold (Fleet Foxes) jede Menge Support an Bord geholt. Als eine moderne Version von Folk kann man das bezeichnen. Der Sound: hibbelig. Die Musik: oft elektronisch. Der Eindruck: schön schräg. Es gibt hier Songs mit nackter Akustikgitarre, für Interruption sorgen aber immer wieder wilde Ritte durch die Möglichkeiten elektronischer Musik. Die Songs gehen zwar allesamt ins Ohr, aber mitunter schleicht sich der Gedanke ein, dass hier jemand mehr Wert auf ein Maximum an Idee pro Song als auf Hörbarkeit legt.

Klingt nach: Bon Iver, Talking Heads, Sufjan Stevens
Punkte: 3,5/5
Facebookfans: 130.700

The Lemon Twigs - Brothers Of Destruction (EP)

Vielleicht würde man dieser EP titeltechnisch noch mehr gerecht, indem man von „Brothers of deconstruction“ spricht. Was die Gebrüder Brian und Michael D’Addario aus Amerika hier machen, ist nämlich nicht weniger als die Dekonstruktion von 50 Jahren Pop - einmal durch den Fleischwolf, alles schön vermengen, um dann am Ende eine Melange aus Beatles, Queen und den Beach Boys zu servieren. Man sollte diese Knaben von nun an auf dem Schirm haben, weil es grandios ist, was die Herren musikalisch zu leisten imstande sind. Sie picken sich das beste aus jedem Jahrzehnt des Pop, ihr größtes Verdienst aber ist, am Ende doch nicht wie billige Plagiatoren zu wirken. Bemerkenswert, und im August kommt das nächste richtige Album. Gut möglich, dass sie gerade auf der Startrampe Richtung Stardom stehen.

Klingt nach: Beatles, Beach Boys
Punkte: 5/5
Facebookfans: 37.300

Landlady - The World Is A Loud Place

Wenn ein Sänger Adam Schatz heißt, dann liegt das fiese Wortspiel auf der Hand, im Falle seiner Alben von einer „Schatz“-kiste zu sprechen. Und tatsächlich ist das, was sich da musikalisch auf dem nunmehr dritten Album seiner Band Landlady aus Brooklyn befindet, ein kurioses Sammelsurium an Stilen. Prog-Pop, Indierock, Freak-Folk. In jedem Fall ist das Avantgarde-Musik im Sinne von: ganz weit vorne. Landlady - die richtige deutsche Übersetzung wäre „Vermieterin“ oder „Dame des Hauses“ - erinnern musikalisch nicht selten an Wilco, Steely Dan und die Super Furry Animals. Und sie erinnern uns daran, dass Kunst auch Spaß machen darf. Trotz aller Verkopftheit dieser Musik darf der Kopf hier gerne auch mal ausgeschaltet werden.

Klingt nach: Steely Dan, Wilco
Punkte: 4/5
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Marius Bear - Sanity (EP)

Aus Bär wird Bear: Der Schweizer Sänger Marius Bär hat als Karrierebeschleuniger die Vokale des Nachnamens getauscht. So einfach funktioniert das manchmal im Popgeschäft: Nun denkt man beim Namen nicht mehr an einen Straßenmusiker aus dem Appenzeller Land (der er einmal war), sondern an einen durchstartenden britischen Bluespop-Sänger. Marius hat ja wirklich eine Stimme wie ein Bär, er kann brummen und kratzen. Unterlegt wird sein Blues und Soul mit einer satten Ladung Elektronik, weshalb die EP „Sanity“ in höchstem Maße radiokompatibel ist. Dieser Mann füllt auch die Fußstapfen eines George Ezra. Jetzt braucht er nur noch die Songs dazu.

Facebookfans: 3040
Klingt nach: George Ezra, Tom Odell
Punkte: 3,5/5


Terra Profonda - Terra Profonda

Musikjournalisten haben als Genrebezeichnung für die Musik des ungarisch-italienischen Trios Terra Profonda die Bezeichnung Dramatic Blues gefunden. Das umreißt das musikalische Schaffen der Band recht gut. Auf ihrem neuen Werk „Terra Profonda“ erinnert die Band an Madrugada und Tom Waits. Tiefdunkel ist der Sound, schwarz der Gesang und selbst ein so munteres Instrument wie das Saxophon dient hier nicht der Aufhellung, sondern bewirkt noch mehr Drama. So macht auch die Namensanlehnung an Erde in Terra Profonda Sinn - erdige Rockmusik hören wir hier.

Klingt nach: Madrugada, Tom Waits
Punkte: 4/5
Facebookfans: 980

(sep)
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