Erfahrungsbericht vom Haldern Pop 2018

Halbzeit-Bilanz des Pop-Festivals: Mein erstes Mal Haldern

Unser Autor ist regelmäßiger Festival-Besucher. So etwas wie das Haldern Pop hat er aber noch nicht erlebt. Eine Halbzeit-Bilanz.

Der Raum ist voll. Es ist heiß. Ich stehe irgendwo im Gang, warte auf den Auftritt und frage mich ob alle, die in der Schlange hinter mit standen, noch reingelassen werden. „Das ist der Nachteil, wenn man bekannte Künstler in Kirchen spielen lässt“, denke ich. Der Platz ist nun einmal begrenzt. Dann tritt Jake Bugg auf. Der britische Singer-Songwriter ist mittlerweile 24, optisch scheint er jedoch die Pubertät noch nicht erreicht zu haben. Ich habe ihn schon gesehen, auch auf Festivals. Aber noch nie in einer Kirche.

Dass in Haldern alles ein wenig anders ist, merke ich schon kurz nach meiner Ankunft am Bahnhof. Ich bin häufig auf Festivals. Ich liebe das einzigartige Gefühl bei den Konzerten, habe dafür schon nachts bei unter null Grad gefroren und tagsüber bei mehr als 35 Grad geschwitzt. Ich wurde vorzeitig wegen Unwettern nach Hause geschickt, nach Terrorwarnungen bei Evakuierungen in Sicherheit gebracht.

Was ich noch nicht erlebt habe, ist ein Festival mitten im Dorf. Nunja, das stimmt nur zum Teil. Zeltplatz und Hauptbühne befinden sich am alten Reitplatz außerhalb der Ortsgrenzen. Die Künstler spielen dort aber meist erst gegen Abend. Tagsüber sind die Konzertorte andere: Pop Bar, Jugendheim, Kirche – alle mitten im Dorfleben.

Nicht nur die Bühnen sind anders, auch das Publikum. Es gibt Festivals, da fühlt sich Ende Zwanzig ganz schön alt an. Beim Blick zu den Nachbarpavillons ist man dann froh, volljährige Mitfeiernde zu entdecken. Nicht so in Haldern. Das Publikum ist bunt gemischt. Auch Jugendliche sind hier. Aber mindestens genauso viele junge Eltern mit Kinderwagen und Menschen jenseits der 50 bevölkern Dorf, Festivalgelände und Campingplatz. Alles ist ein wenig lockerer. Keine ewigen Taschenkontrollen, Parken gleich neben dem Zelt. Weniger Menschen, weniger Stress. 7000 sind es maximal, dann ist das Gelände ausgelastet.

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Das alles macht das Festival aus. Es ergibt das vielbeschworene Haldern-Gefühl. Es ist ein Ort zum Wohlfühlen.

Grundsympathisch, aber auch wild? In der Kirche bezweifle ich das. Schon mittags bei den ersten Künstlern sind die Bänke gut gefüllt. Erst recht jetzt bei Jake Bugg. Doch die Stimmung ist für ein Festival gewöhnungsbedürftig. Getanzt wird weniger als woanders, gesessen mehr. Am Ende jedes Songs wird brav applaudiert. Gejubelt auch, reichlich sogar. Zwei Männer, beide über 50, stehen im Seitengang. Sie haben mehr getrunken als der Durchschnittsbesucher. Der eine klatscht manchmal zu früh, jubelt in den Song rein. Sie ernten verwirrte Blicke. Die Szenerie hat viel von einem klassischen Konzert, wenig von Festivalekstase. „Schön ist es hier: Die Akustik, die Kulisse“, denke ich. „Aber draußen, mit einem Bier in der Hand, wäre es noch schöner.“

Dann bin ich endlich draußen. Open Air-Konzerte, eine kleine aber feine Auswahl an Speisen und Getränken. Schön ist es hier. Aber der Spielplan der ersten eineinhalb Tage ist ein kleines Missverständnis zwischen dem Haldern Pop und mir. Ich möchte gerne raus, wo Luft ist, wo Platz ist. Aber die für mich interessantesten Bands lassen die Veranstalter drinnen auftreten. Ich beende meinen ersten Abend daher recht früh, um Freitagmittag wieder pünktlich Schlange zu stehen.

Denn auch das merke ich schnell, das Haldern Pop ist da besonders gut, wo es überrascht. Freitag, 13 Uhr, Pop-Bar – der Raum ist noch deutlich kleiner und voller als die Kirche am Vortag. Ich bin hier für Alabaster dePlume. Kannte ich bis vor ein paar Tagen nicht, ist mir in der Vorbereitung aber positiv aufgefallen. Nun steht er da und legt mit seiner Band einen wunderbar-verrückten Auftritt hin. Saxophon-Soli, sich bis ins Manische steigernder Sprechgesang – ich bin begeistert. In diesem Moment verstehe ich auch das Konzept der kleinen Räume. Richtiger Mann, richtiger Ort – gut gemacht, Haldern. Und die Vorfreude wächst. Gleich spielen endlich meine ersten Highlights an der frischen Luft. In Gedanken tanze ich schon entspannt vor die Bühne. Das muss es sein: dieses Haldern-Gefühl.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Halbzeit beim Haldern