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Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Zerstörung von Rees im Zweiten Weltkrieg

75. Jahrestag der Zerstörung von Rees : „Terra tremuit“: Als die Erde bebte

Die Reeser gedachten am Sonntag in einem bewegenden Gottesdienst der Zerstörung ihrer Stadt am 16. Februar 1945. Zeitzeugen schilderten das Bombardement.

„Dieser schwarze Freitag markiert den düstersten Tag in der Geschichte der Stadt Rees“, betonte Bürgermeister Christoph Gerwers. Als am 16. Februar 1945 Brand- und Sprengbomben der britischen Royal Air Force die Rheinstadt zu großen Teilen zerstörten und 32 Leben forderten, sei den Menschen „in leid- und schmerzvoller Weise“ bewusst geworden, dass der Zweite Weltkrieg nicht nur an fernen Orten tobte und der Bombenhagel nicht nur Großstädte wie Berlin, Köln, Hamburg oder Dresden auslöschte, sondern auch eine „beschauliche, friedliche und ruhige Stadt“ wie Rees nicht aussparte.

Exakt 75 Jahre nach diesem Inferno kamen mehr als 200 Reeser Bürgerinnen und Bürger in der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt zusammen, um gemeinsam der damaligen Ereignisse zu gedenken. Bei allem Schmerz, den der Verlust von Hab und Gut für die Betroffenen bedeutete, sei die Bombardierung von Rees und anderer niederrheinischer Städte aber zugleich „der Beginn einer neuen Zeit des Friedens in Europa, Deutschland und auch in Rees“ gewesen, sagte Gerwers. In den Wochen nach dem Rheinübergang der Alliierten seien die Zwangsarbeiterlager in Rees befreit und das verbrecherische Terror-Regime der Nationalsozialisten beendet worden. „Wir dürfen nie vergessen, wie es zu diesem Krieg mit all seinem Leid und Schrecken kam“, forderte der Bürgermeister.

Der Kirchenchor St. Mariä Himmelfahrt, die Sopranistin Veronika Kosel und ein achtköpfiges Ensemble der Haldern Strings begleiteten die Gedenkfeier. In der Pfarrkirche erklang unter anderem Gerhard Breys „Terra tremuit“. In dieser Komposition verarbeitete der frühere Reeser Kantor seine Erlebnisse vom 16. Februar 1945, die er damals auch in einem Brief an seinen Sohn Alfried festhielt. Daraus zitierte Stadtarchivarin Tina Oostendorp ebenso wie aus den Erinnerungen der anwesenden Zeitzeugen Hermann Voß und Hermann Venhofen sowie der 2018 verstorbenen Hildegard Gissing.

Tina Oostendorp zitierte auch aus einer Rede, die der aus Wesel stammende Geschichtsjournalist Alexander Berkel 2005 zur „60 Jahre Kriegsende“-Ausstellung im Koenraad-Bosman-Museum hielt. So sei der Zweite Weltkrieg mit voller Wucht an den Niederrhein gekommen, weil Feldmarschall Bernard Montgomery mit Hilfe der Rheinüberquerung zwischen Wesel und Emmerich ins Ruhrgebiet vorstoßen und die Kriegsindustrie des NS-Reichs lähmen wollte. Vorausgegangen war die falsche Annahme, den Krieg bis Weihnachten 1944 beenden zu können: „Dass die deutsche Wehrmacht in Arnheim einen letzten Sieg errungen hatte, verlängerte den Krieg um einige Monate und war verheerend für mehrere Städte am Niederrhein“, so Berkel.

Erwin Roos, bei der Bombardierung von Rees 14 Jahre alt, erzählte den Zuhörern eindringlich von den Geschehnissen am 16. Februar 1945: „Meine Erinnerung ist so klar, als wenn es gestern passiert wäre“, sagte der 89 Jahre alte Reeser. Gemeinsam mit seiner Mutter und dem anderthalb Jahre alten Bruder erlebte und überlebte Roos den Angriff in den dicken Mauern des Mühlenturms am Rhein. Ausgebombt und in Angst vor weiteren Bomben, kam die Familie auf einem Bauernhof in Helderloh unter.

Dr. Karl van der Ven war 17 Jahre alt und als Soldat in Dänemark stationiert, als er von der Zerstörung seiner Heimatstadt und des Elternhauses in der Fallstraße 27 hörte. „Erst Tage später erfuhr ich, dass meine Eltern überlebt hatten“, sagte der 92-Jährige. Nie werde er den Anblick der Ruinenstadt Rees vergessen, als er aus britischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte: „Ich bin sehr froh, dass aus Rees wieder eine schöne Stadt geworden ist und ich die Zeit des Wiederaufbaus miterlebt habe.“

Pfarrer Michael Eiden und Pfarrer Michael Binnnehey sprachen auf dem Altar das Segensgebet, bevor der gemeinsam gesungene Choral „Von guten Mächten“ die würdevolle und musikalisch auf höchstem Niveau gestaltete Gedenkfeier beende.