Emmerich: "Fungarden"-Prozess: Prostituierte sagen aus

Emmerich: "Fungarden"-Prozess: Prostituierte sagen aus

Am dritten Tag vor dem Landgericht Kleve kamen gestern erstmals Prostituierte zu Wort. Die Ermittler wissen, wie viel Geld floss.

Am Ende des dritten Verhandlungstages im "Fun-Garden"-Prozess vor dem Klever Landgericht zupfte Esed D. (53) seiner mitangeklagten Lebensgefährtin Olga G. (40) neckisch die Mütze vom Kopf, strich ihr mit der Hand durchs lange blonde Haar und herzte sie. Beide lachten.

Aus der Sicht der beiden Bordellbetreiber, die wegen Steuervergehen und Menschenhandels (u. a.) angeklagt sind, war der Tag erfreulich verlaufen: Mehrere Zeuginnen, die im "Fun Garden" als Prostituierte tätig waren, schilderten, wie das Gewerbe ablief - und zwar, so der zusammenfassende Gesamteindruck, "echt gut", "entspannt", "freundlich und nett".

Zwei der dort tätigen Damen, die wegen ihrer deutschen Nationalität offenbar eine bevorzugte Behandlung genossen, galten intern gar als "Prinzessinnen".

Doch dieses Bild einer märchenhaften Welt, in der käufliche Liebe eine ganz normale Dienstleistung wie alles andere auch ist, bekam auch Risse - wenn die Frauen über ihre Kolleginnen aus Osteuropa erzählten.

Sabina (22, alle Namen geändert) war die Erste, die der 9. Großen Strafkammer von ihrer Tätigkeit im "Fun Garden" erzählte. Eine Freundin habe sie dazu überredet, spontan sei man nach Emmerich gefahren, habe beim Bordell an der Türe geklingelt, "und dann haben wir uns nach einer kurzen Einführung auch schon umziehen und sofort anfangen können".

Ihr erster Kunde sei ein Niederländer gewesen. "Der war sympathisch. Der Zweite nicht so, aber da kann man ja schlecht Nein sagen, zum Glück ging es aber schnell." Sabina arbeitete eine Nacht und einen Tag in Emmerich, dann war ihre Karriere auch schon wieder vorbei, weil die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss das Bordell stürmte.

Dabei fielen den Ermittlern offenbar bergeweise Unterlagen in die Hände, die belegen, wie das Geschäft ablief und welche Summen dabei flossen. Pro Tag legte die Geschäftsführung mehrere Blätter an. Das wichtigste zweifelsohne eine Liste mit den Künstlernamen der aktiven Frauen ("Sina", "Cindy", "Coco", "Chanel"), rund 20 pro Tag. Dahinter dann jeweils Reihen mit Uhrzeiten und Zimmernummern sowie einem Schrägstrich oder einem Kreuz. Der Schrägstrich stand für eine halbe Stunde, die pauschal abgerechnet wurde, das Kreuz für eine Stunde. Der Vermerk "ESC" bedeutete, dass die Dienstleistungen außer Haus erbracht wurden.

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Ein weiterer Tageszettel hielt den Gesamtüberblick fest. So kam der "Fun Garden"am Vorabend der Durchsuchung auf Einnahmen in Höhe von 29 615 Euro, die sich aus dem Eintritt, den sexuellen Dienstleistungen sowie der Gastronomie zusammensetzten. Die Kosten hielten sich demgegenüber in einem erträglichen Rahmen.

Offenbar wurden die Prostituierten sehr ungleich behandelt: Sabina musste täglich 50 Euro "für Steuern" sowie einen Kostenbeitrag für Kost und Logis bezahlen.

Janina aus Russland wiederum sagte aus, bei ihr seien die Einnahmen im Verhältnis 40 zu 60 geteilt worden. Und Mandy aus Recklinghausen, eine der "Prinzessinnen", musste pauschal 50 Euro für alles abgeben.

Übereinstimmend berichteten die Frauen, dass keinesfalls ein Klima der Angst geherrscht habe. Als einer der Anwälte fragte, wo sie das Bordell auf einer Wohlfühlskala einordnen würde, sagte Anna (20): "Ich fand das im Fun Garden echt gut. Das war schon entspannt."

Doch dann erzählte eine der Zeugin von ihrer Kollegin aus Ungarn, die immer so traurig gewesen sei. Sie müsse ihre Verdienste immer nach Ungarn schicken, habe sie gesagt, und ihr sei von einer Landsmännin der Pass abgenommen worden, damit sie nicht zurückgehen könne – ein dicker Schönheitsfehler in der ansonsten fast perfekten Heile-Welt-Darstellung.

Der Prozess wird am Dienstag, 27. November, fortgesetzt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Razzia in Bordellen in Emmerich

(dau)