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Emmerich und Rees: Streit um das Zigeunerschnitzel

Emmerich/Rees

Streit ums politisch korrekte Schnitzel

Zigeunerschitzel oder Schnitzel ungarische Art? FOTO: Hans-Juergen Bauer (hjba) / Bauer, Hans-Jürgen (hjba)

Emmerich/Rees Zigeunersauce soll es nicht mehr geben, auch nicht mehr das gleichnamige Schnitzel. Politisch Korrekte wollen auch der Tradition der „schwarzen Pitten“ in Elten an den Kragen. Verständnis haben Betroffene dafür nicht.

Viele Firmen wollen die „Zigeunersauce“ abschaffen. Grund: Vor allem in den sozialen Netzwerken wird der Name als rassistisch empfunden. „Paprikasauce Ungarische Art“ soll es künftig heißen. Doch stört sich tatsächlich im Leben außerhalb des Internets jemand an dem Begriff?

„Zigeunerschnitzel mit Pommes“ und „Zigeunersoße“ stehen auf der Speisekarte des „Olymp Fast Food“ in der Kaßstraße. „Bis jetzt gab es noch keinen Kunden, der irgendwas dazu gesagt hat“, sagt Inhaberin Evgenia Skarpos. „Keiner stört sich an den Namen.“

Das Zigeunerschnitzel  bleibt auf der Karte. „Bis jetzt gab es noch keinen einzigen Kunden, der irgendwas dazu gesagt hätte“, so Evgenia Skarpos vom Olymp Fast Food in Emmerich.  FOTO: hartjes
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Sinti und Roma: Das ist der Hintergrund

Das Wort Zigeuner bezeichnet nicht einfach einen Geschmack, sondern meint auch  Volksgruppen. Viele von ihnen lehnen den Begriff Zigeuner für sich ab. Der Grund: Er wurde oft abwertend und unfreundlich benutzt. Sie selbst nennen sich oft Roma oder Sinti.

Deshalb gab es auch immer wieder Beschwerden über den Namen der Soße. Jetzt haben Hersteller entschieden: Sie wird umbenannt in „Paprikasauce Ungarische Art“. Denn der scharfe Geschmack ist typisch für die Küche im Land Ungarn.

 

Ein Vertreter der Roma und Sinti findet die Änderung zwar gut. Wichtiger sei es aber, etwas dagegen zu tun, wenn der Begriff „Zigeuner“ etwa als Beschimpfung genutzt werde.

Das sagt auch Dimitriev Lazar, seit elf Jahren Mitarbeiter im Restaurant „Schlemmerich“ auf der Rheinpromenade. „Besonders unsere niederländischen Gäste lieben unser Schnitzel mit Zigeunersoße.“ Dass jemand den Namen mit Diskriminierung von Roma und Sinti in Zusammenhang bringt, habe er noch nie gehört

Diese Erfahrung teilt auch Kata Sarcevic, deren Familie seit 40 Jahren das Balkanstübchen in Rees betreibt. „Vom ersten Tag an haben wir das Zigeunerschnitzel auf der Speisekarte, bislang hat sich nie ein Gast darüber beschwert.“ Deshalb habe es innerhalb der kroatisch-deutschen Familie Sarcevic auch nie eine Diskussion über eine etwaige Umbenennung des Schnitzel-Dauerbrenners gegeben.

Hält an der Tradition fest: Siggi Alefsen im vergangenen Jahr mit seinen schwarzen Pieten an der Emmericher Promenade. FOTO: Markus van Offern (mvo)

In „Steffis Grillpavillon“ im Reeser Gewerbegebiet findet sich auf der Speisekarte nicht nur das „Zigeunerschnitzel“, sondern auch die „Zigeunerwurst“ und die „Zigeunerfrikadelle“. „Steffis“ Gatte Dominic Geradus Heysel, zugleich Betreiber der „Schlemmerhütte“, betont: „Solange die Namen nicht gesetzlich verboten werden, halten wir daran fest.“

Tatsächlich habe er schon einmal alle Speisekarten und Tafeln ändern müssen: „Wir dürfen nicht mehr Mayonnaise schreiben, weil der Name nur für die Mayo gilt, die in den Salat kommt. Jetzt steht überall Frittensauce.“ Die neuen Speisekarten in vorauseilendem Gehorsam schon wieder zu ändern, nur weil ein paar politisch überkorrekte Menschen das wollten, komme für ihn nicht in Frage.

Nächster Streitfall: Noch mehr als 100 Tage sind es bis zum Nikolausfest, doch schon jetzt wütet in den Niederlanden der Kulturkampf um die schwarz geschminkten Nikolaushelfer, die „Zwarten Pieten“. Für die einen sind sie nur lustige Kinderfreunde, die am 5. Dezember die Geschenke bringen. Für andere sind sie der Inbegriff von Rassismus.

Der heftige Streit ist jetzt von Facebook neu angefacht worden. Das Unternehmen will „Blackface“-Abbildungen auf Facebook und Instagram verbieten, wie eben die vom niederländischen „Schwarzen Peter“.

Schwarz geschminktes Gesicht, dicke Lippen und Kraushaar-Perücke seien „Blackface“-Stereotypen, die Facebook nicht mehr dulde. Allerdings sieht der Nikolaushelfer traditionell so aus.

Der Streit reicht bis nach Elten. Dort lebt Siggi Alefsen, der Rekord-Nikolaus aus Elten. Niemand hat so viele „Dienstjahre“ als Nikolaus auf dem Buckel wie er.

Und er hat eine klare Meinung: „In Elten bleiben die Pieten schwarz, da können die Leute in den Niederlanden das von mir aus komplett abschaffen. Wir bleiben dabei.“ Zur Erklärung: Im heute noch niederländisch geprägten Elten wird der Nikolaus auf niederländische Weise begleitet. Eben mit seinen schwarzen Gesellen.

Als Siggi Alefsen im vergangenen Jahr mit seinen Zwarten Pieten nach Emmerich kommen sollte, schrieb die städtische Wirtschaftsförderung zuvor, er komme mit den Pieten, die schwarze Tupfen im Gesicht hätten. Das ist ein Kompromiss, den es häufig in den Niederlanden gibt. Nicht mehr schwarz, sondern schwarze Punkte.

Siggi Alefsen ärgert das. Er sagt: „So ein gepunkteter Piet ist doch keine Tradition.“ Und so kam er auch in Emmerich mit schwarzen Pieten an. „Das ist nicht rassistisch. Auf dem Weihnachtsmarkt in Elten waren wir auch mit schwarzen Gesichtern unterwegs“, sagte er im vergangenen Jahr. „Die Besucher aus Holland haben uns angesprochen und gesagt, dass sie es schön und richtig finden, dass wir das machen. Sie fanden es schade, dass das in den Niederlanden schon fast nicht mehr möglich ist.“

Sollte es also in diesem Jahr in Elten trotz der Coronakrise einen Weihnachtsmarkt geben, wird Siggi Alefsen wieder mit den schwarzen Pieten unterwegs sein. „Wir machen das so lange, wie das noch möglich ist.“

Und dann gibt es noch das Wort Eskimo. Es soll ebenfalls nicht mehr verwendet werden, weil es sich um ein abwertendes Wort handeln soll. Die indigene Bevölkerung auf Grönland fühlt sich von dem Begriff beleidigt. Deshalb hat in Dänemark ein Hersteller nun eine Eissorte umbenannt. Doch was ist eigentlich mit der Eskimorolle? Das ist eine Technik, mit der ein gekentertes Kanu wieder auf die Wasseroberfläche gebracht werden kann. Wie sieht es aus beim Reeser Ruderclub?

„Wir üben weiterhin die Eskimorolle“, sagt Lothar Krebs, der Vorsitzende des Vereins. „Ich kann die ganze Aufregung um die angeblich falschen Namen nicht verstehen.“

(ms/hg/moha)