Emmerich: Politik redet nicht über Leiharbeit in Emmerich

Unsere Woche: Die Realitätsverweigerer

Leiharbeit in gewaltigem Ausmaß hat Emmerich verändert. Elend, Niedergang und Wertverlust sind die Folgen. Die Politik redet noch nicht offen darüber. Das muss sich ändern.

In den vergangenen Jahren sind Polen und Rumänen in die Stadt gekommen. Die meisten von ihnen Leiharbeiter. Leiharbeitsfirmen haben bislang schon 53 Immobilien in der Stadt gekauft. Umgebaut zu Massenunterkünften mit zum Teil üblen Auswirkungen auf die Nachbarn.

Langsam kommt die unbequeme Wahrheit ans Licht. Foto: Schwarze-Blanke

2478 Polen und 540 Rumänen sind im Emmericher Rathaus gemeldet. Die Dunkelziffer ist höher.

Nicht alle Polen sind Leiharbeiter, manche haben kleine Geschäfte eröffnet, gehen normalen Jobs nach. Doch die Frage ist: Was geschieht mit einer Kleinstadt, in der geschätzt zehn Prozent der Bevölkerung Leiharbeiter sind, die die Sprache der Einheimischen nicht oder nur schlecht sprechen, fremd sind im Land und in ihren Unterkünften die Zeit zwischen den tristen Arbeitseinsätzen in Schlachthöfen mit Alkohol überbrücken?

Wir müssen fragen, was diese Arbeits- und Lebensumstände mit den Betroffenen machen. Emmerichs ehemaliger Pastor Peter Kossen macht darauf aufmerksam (siehe Artikel unten)

Wir müssen auch darüber reden, dass die 53 Immobilien, in denen Leiharbeiter wohnen, zuvor von ihren Eigentümern an diese Firmen verkauft worden sind. Die Verkäufer nehmen das Geld und machen sich aus dem Staub. Zurück bleiben ihre Nachbarn, die über unzumutbare Zustände klagen und zurecht befürchten, dass der Wert ihrer eigenen Immobilie in den Keller geht.

Das alles ist in den vergangenen Jahren geschehen, ohne dass irgendeine Partei etwas getan hätte. Nach dem Motto: Worüber öffentlich nicht geredet wird, das existiert nicht. Es musste erst ein wütender Bürger her, der im Januar in einer Sitzung des Rates ordentlich auf die Pauke haute und mit einem Aufstand der Betroffenen drohte.

Am Dienstag stellt die Verwaltung einen Maßnahmenkatalog vor. Viel zu spät, aber es ist ein Anfang.

Es ist eine spekulative Frage, aber sie ist erlaubt: Hätte ein konsequentes Durchgreifen von Ordnungsamt, Polizei und möglicherweise Finanzbehörden den Wohnstandort Emmerich für Leiharbeitsfirmen schon vor einigen Jahren unattraktiv gemacht?

Wegschauen, Bequemlichkeit und Ignoranz machen Parallelgesellschaften möglich. Das wissen wir doch längst.

Was also ist zu tun?

Zwei Dinge müssen gelöst werden: Wir müssen uns darum kümmern, dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter besser werden. Und wir müssen sicherstellen, dass die Bevölkerung nicht dem schleichenden Niedergang von Nachbarschaften ausgesetzt ist und Eigentum an Wert verliert.

Dass die Parteien in der Stadt dieser Debatte bislang aus dem Weg gegangen ist, grenzt an Realitätsverweigerung.

Peter Kossen hat mir einen Vortrag geschickt, den er vor kurzem in Essen gehalten hat. Darin sagt er unter anderem: „Wer mit Menschenhändlern und Sklaventreibern gemeinsame Sache macht, ist mitschuldig am Menschenhandel und an der modernen Sklaverei in unserm Land.“

Wird Zeit, dass Peter Kossen diesen Vortrag in seiner alten Heimat Emmerich hält.

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