Emmerich: Peter Kossen kämpft gegen Leiharbeit

Emmerichs ehemaliger Pfarrer Peter Kossen und sein Bruder: Sie kämpfen gegen Leiharbeit

Im August 2018 erschien in der Zeitung Kirche+Leben ein Artikel über Emmerichs ehemaligen Pfarrer Peter Kossen und seinen Bruder Florian. Es geht um Leiharbeit im Oldenburger Land. Und nicht nur dort.

Arbeitsmigranten aus Rumänien, Bulgarien und Polen behandelt Florian Kossen nach eigenen Angaben täglich in seiner Arztpraxis. Sie arbeiteten in Großschlachthöfen in Wildeshausen, Ahlhorn und Lohne. Die Totalerschöpfung der Patientinnen und Patienten ist fast schon alltäglich, erklärte der Mediziner: „Viele arbeiten sechs Tage in der Woche und zwölf Stunden am Tag.“ Sie hätten keine Möglichkeit der Regeneration, „weil sie durch ihre Arbeits- und Lebensbedingungen ständig physisch und psychisch unter Druck stehen“.

 Mangelhafte hygienische Zustände in den Unterkünften und gesundheitswidrige Bedingungen an den Arbeitsplätzen würden zu einer Reihe von Krankheitssymptomen führen. Hinzu komme „eine totale körperliche Erschöpfung, wie ich sie in meinen 20 Jahren ärztlicher Tätigkeit vorher selten gesehen habe“. Arbeitsunfälle wie Schnittverletzungen seien an der Tagesordnung.

 „Häufig lassen sich die Verletzten aber nicht krankschreiben, weil ihnen vom Arbeitgeber ganz deutlich gesagt worden ist: Wer mit dem gelben Schein kommt, kann gehen“, erklärt Kossen. Das habe er zum Beispiel von einer Arbeiterin gehört, die eine zehn Zentimeter lange, mit Naht versorgten Schnittwunde hatte. „Trotz mehrmaligen dringenden Anratens lehnte sie eine Krankschreibung ab.“

Verätzungen am ganzen Körper sieht der Mediziner Kossen bei Patienten, die nach seiner Beobachtung für Reinigungsarbeiten in den Schlachthöfen keine ausreichende Schutzkleidung zur Verfügung haben und zudem unter hohem Zeitdruck arbeiten. „Das berichtete ein Mitarbeiter einer Reinigungskolonne auf einem Großschlachthof in Lohne, der sich, übersät mit ausgeprägten Verätzungen am ganzen Körper, in der Praxis vorstellte.“ Sämtliche Arbeiter der Reinigungskolonne hätten nach Darstellung des Arbeiters ähnliche Verätzungen, da die Schutzanzüge defekt und unzureichend seien.

Oft erzählten ihm Patienten, dass Kolleginnen und Kollegen aufgrund von Krankheit sofort aussortiert und ersetzt würden. Entsprechend hoch sei der Druck, trotz Krankheit und Schmerzen durchzuhalten. Prälat Peter Kossen ergänzt: „Der Nachschub von Arbeitskräften geht den Subunternehmern offensichtlich nicht aus. Dafür sorgt ein florierender Menschenhandel.“  Zusagen an die Arbeiter und der tatsächliche Lohn lägen oft weit auseinander. (...)

Weil mindestens 80 Prozent der Arbeiter nicht beim Schlachthof angestellt sei, sondern bei einem Subunternehmer, bräuchten sich die Unternehmer der Fleischindustrie bei dieser Form moderner Sklaverei gar nicht die Hände schmutzig zu machen. Subunternehmen würden vielfach von Kriminellen nach Mafia-Art geführt; Drogenhandel, Frauenhandel und Zwangsprostitution gehörten zum „Geschäft“. (...)

Überall dort, wo Werkverträge und Leiharbeit das Mittel seien, um Arbeitskräfte wie Verschleißmaterial behandeln zu können, sei die Mitarbeiterfluktuation enorm hoch. Inzwischen würden die Arbeitskräfte aus immer ärmeren Regionen Osteuropas rekrutiert: „Erst waren es Menschen aus Polen, später aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien - jetzt kommen sie aus Moldawien oder der Ukraine, dann ist ihr Einsatz nicht selten illegal“, weiß Kossen.

 Sein Bruder sieht jeden Tag in der Praxis, „dass diejenigen, die es trotz der Menschenschinderei schaffen, über mehrere Jahre durchzuhalten, chronische Leiden davontragen“. Denn durch die harte körperliche Arbeit in feuchten und kalten Räumen unter ständigem Druck, noch schneller zu arbeiten, sei auch der Stärkste „irgendwann physisch und psychisch am Ende.“

„Wenn der Rechtsstaat hier nicht völlig ad absurdum geführt werden soll, braucht es eine Behörde, die Recht und Gesetz durchsetzen kann. Die nicht, wie die Kontrollbehörden bisher, der Mafia machtlos hinterher schaut“, sagt Peter Kossen. „Wie lange will die Öffentlichkeit der menschenverachtenden, systematischen Ausbeutung noch zusehen?“

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