Emmerich: Eine "Zweite Haut" aus Pappe

Emmerich: Eine "Zweite Haut" aus Pappe

Mit "#moydress" animiert Moylands Museumspädagogin Nina Schulze die Besucher der großen Ausstellung in der Vorburg zum Mitmachen. Es wird in einer eigens gebauten Kabine spontan gebastelt, fotografiert und gepostet.

Mit viel Tesakrepp-Band wird aus dem störrischen Packpapier eine figurbetonte Korsage, andere verhüllen sich im langen Gewand oder knäueln das Material zu witzigen Hüten. Auch Schuhe mit drei Streifen lassen sich aus dem hellbraunen Papier machen. Die Streifen mit Tesakrepp-Band, versteht sich. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Mann oder Frau muss sich nur in die luftige Kabine von Tailor's zurückziehen, den Vorhang vorziehen und das Packpapier von der Rolle abziehen. Und ab geht die kreative Post in Richtung Haute Couture. Es ist die "Zweiten Haut", die die große Ausstellung in der Vorburg von Museum Schloss Moyland in allen Formen und Farben und Gattungen so wunderbar durchdekliniert. Die anregt, über diese zweite Haut nachzudenken, warum Mensch sie trägt, dass sie Schutz sein kann, Rückzug oder Mord, weil Tiere dafür sterben müssen.

Oder dass die erste Haut als zweite Haut so irritiert, weil sie nackt ist. All die Themen finden sich irgendwie im Tailor's, werden auf "Gala" drapiert, die schöne Graue, die Schaufensterpuppe in Tailor's.

Wie schon bei der Mäkipää-Ausstellung geht auch bei "Die zweite Haut" die interaktive Aktion zwischen Besucher und Museum auf, die Museumspädagogin Nina Schulze so listig in die Ausstellung gesetzt hat. Denn was so harmlos als Angebot daherkommt, zieht mitten in die Auseinandersetzung mit der Ausstellung hinein. Das geht auf: Bei Mäkipää hing die Wand voller Collagen, die die Besucher machten. Angeregt nur durch einen Tisch, eine Schere, viele Zeitungen und geschickt verteiltes Spot-Lichter. "Wir haben damit eine intime Nähe erreicht - so wie jetzt mit der Kabine von Tailor's", sagt Schulze. Mit "#moydress", wie die "Modelinie" im Tailor's heißt, gelingt es ihr sogar, das digitale Selfie und dessen Posting in Soziale Netzwerke, die still-spannende Ausstellung und die spontane Kreativität der Besucher zu bündeln. Denn die Besucher werden nicht nur angeregt, das Kleid, die Schuhe, die Korsage oder den Hut zu basteln, sie sollten sich auch damit fotografieren und das nicht nur in ihren eigenen sozialen Netzwerkern teilen, sondern auch gleich mit dem Museum unter "#moydress". Moyland-Sprecherin Sophie Tuchard wartet an ihrem Computer und antwortet prompt, kann den Dialog mit den Besuchern noch in der Ausstellung führen. "Das ist spannend und intensiver, direkter, als die Eintragung ins Besucherbuch", sagt Tuchard. Ihre WhatsApp-Nummer und der Hashtag sind auf die Wand geschrieben. Das alles geschieht intuitiv. "Die Besucher entscheiden sich spontan, unser Angebot anzunehmen", sagt Nina Schulze nicht ohne Stolz. Schließlich geht ihr Konzept auf, wird das, was mit "Beuys-digital" und der "Summer-School" begonnen wurde, fortgesetzt: Der Weg in die digitalen Netzwerke und wieder zurück in die analoge Auseinandersetzung mit dem Thema, dem Stoff und seiner Haptik: Das Papier hat eine glatte Seite, eine raue, es lässt sich knicken, es raschelt - alles Erfahrungen, die die digitale Welt nicht bieten kann.

Dafür ist die Anordnung von "#moydress" niederschwellig, die Farben sind einfach, die Materialien einheitlich, die Atmosphäre einladend. So, dass die Besucher angezogen werden, sich setzen und beginnen, sich eine zweite Haut zu machen.

Bilder zitieren, indem sie den Hut knicken oder Siebenmeilenstiefel bauen. "Man sieht, dass sich die meisten mit den Bildern und dem Thema auseinandergesetzt haben", sagt Alexander Grönert, der die Ausstellung kuratiert hat. Und manche, schwärmt Tuchard, manche stolzieren sogar mit ihrer neuen Haut durch die Ausstellung. In voller Montur. Inzwischen haben die Besucher der Ausstellung schon ein kleines Einfamilienhaus in zweite Häute verarbeitet - 150 Quadratmeter Papier sind weggegangen.

(mgr)