Emmerich: Ein Erdbeben in den Köpfen

Emmerich: Ein Erdbeben in den Köpfen

Mit den Beuys-Aktionen in Italien befasst sich ein neuer Band von Petra Richter. Sie berichtet von einem Bildhauer, der Menschen kreatives Handeln und Denken vermitteln wollte und anregte, die Welt als eine veränderbare zu denken.

Seit 1991 muss man nach New York ins Guggenheim-Museum fahren, um die beeidruckende Installation "Terremoto" zu sehen: Als Antwort auf das verheerende Erdbeben in Süditalien schuf Beuys 1981 in Neapel die Installationen "Terremoto" und "Terremoto in Palazzo". Letztere führt die Fragilität der menschlichen Lebensweise an der waghalsigen Konstruktion eines roh behauenen Holztisches vor, der auf schlichten Glasbehältern balanciert, zeigt einen Tisch, der dessen Bein in einem Glas steht und der zwischen Tischplatte und Wand einen tönernen Blumentopf einklemmt. Bewegt sich irgendetwas in dieser fragilen Konstruktion, geht alles zu Bruch. Wie beim Erdbeben. Die andere entstand als Arbeit, deren Verkauf den Konkurs einer linken italienischen Tageszeitung abwenden sollte. Beide beschreibt Petra Richter in ihrem neuen Buch "Joseph Beuys. Ein Erdbeben in den Köpfen" sehr eindringlich und zeigt, wie politisch der Klever Bildhauer mit seiner Kunst auf das Zeitgeschehen reagierte. Die Arbeit, so Richter, erzählte vom Versagen der Politiker und wurde zum politischen Appell: "Die Wirklichkeit der desaströsen gesellschaftlichen Verhältnisse dürfe nicht aus den Augen verloren und müsse unter Einhaltung der Wahrhaftigkeit benannt werden", schreibt die Autorin. Es ist spannend, ihrem Text über diesen so politischen Beuys zu folgen, der zwischen 1971 und 1985 immer wieder in Italien arbeitete und dessen Schaffen in und für Italien Richter erstmals im Detail aufzeichnet.

Petra Richter: Joseph Beuys. Ein Erdbeben in den Köpfen der Menschen. Richter-Verlag. ISBN 978-3-941263-76-5. 191 Seiten, 44 Euro. Foto: mgr

Dort habe Beuys versucht, den "traditionellen Begriff von Kunst durch neue Funktionsbestimmungen zu erweitern, auch, um damit die gesellschaftliche Relevanz der Kunst neu zu ergründen". Allerdings wurde in den Diskussionen auch manchmal aneinander vorbei geredet und Beuys' Reden nicht verstanden: Weil er schlecht übersetzt wurde, weil seine Kunst auf Votiv-Bilder unverstanden blieb oder weil er provozieren wollte. Der Künstler Renato Guttuso warf ihm vor, Beuys solle nicht nur reden, sondern handeln: "Geht und macht eine Revolution, anstatt hier zu sein und mit Kreide und Tafel zu spielen". Beuys hatte auf einer Tafel 1972 in der Aktion "Die Revolution sind wir" über "Freiheit - Demokratie - Sozialismus" doziert. In den Diskussionen während und nach dem Aufbau der Arbeiten wurde klar, welch großen Wert Beuys auf das Wort legte: "Während er sich in den 1960er Jahren (...) vor allem durch Objekte artikuliert habe, dann durch Aktionen und die Körpersprache, bediene er sich jetzt des Wortes, begleitet von Zeichnungen und Diagrammen", zitiert ihn Richter.

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"Terremoto" wurde später in die USA verkauft, weil Land und Stadt Düsseldorf unfähig waren, die Arbeit im Land zu halten, heißt es im Buch, die letzte im Band beschriebene Einrichtung "Palazzo Regale" kam dann doch noch nach Düsseldorf: Die im Dezember 1985 für eine temporäre Ausstellung im Museo di Capodimonte in Neapel eingerichtete Installation wurde 1991 von der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen angekauft.

Richter bedankt sich für die Hilfe fürs Buch vor allem bei Eva Beuys, und unter anderen bei Bettina Paust (Schloss Moyland) und Helga Ulrich-Scheyda (Heimatverein Kleve).

(mgr)