Haldern: Ein Dorf kümmert sich um seine Alten

Haldern: Ein Dorf kümmert sich um seine Alten

Das Altenheim Sankt Marien in Haldern geht in der Betreuung alter Menschen neue Wege. Dörfliche Institutionen wie Kindergarten und Gemeindezentrum werden ins Heim geholt, um die Bewohner nicht auszugrenzen. Ein Ortsbesuch.

Wenn die Menschen nicht mehr ins Dorf können, muss man das Dorf zu den Menschen bringen. Das ist sehr verknappt die Idee, die hinter einem Konzept steht, mit dem die Pflegeeinrichtung Sankt Marien in Haldern neue Wege in der Betreuung alter Menschen geht. "Wir möchten erreichen, dass unsere Bewohner eingebunden bleiben in ihre gewohnten Strukturen, dass sie wie bisher teilhaben am dörflichen Leben", sagt Johannes Fockenberg, Sozialpädagoge und Geschäftsführer von Sankt Marien. Ein schöner Gedanke, dessen Umsetzung jedoch langen Atem braucht: So schwierig es sich anhört, das Dorf zu den Menschen zu bringen, so schwierig ist es nämlich auch.

Haldern liegt am Niederrhein beschaulich eingebettet zwischen Feldern, ein 5000-Seelen-Ort mit einer starken dörflichen Gemeinschaft. Bundesweit bekannt geworden ist das Dorf durch das jährliche Musikfestival Haldern Pop, das mittlerweile Kultstatus genießt. Dass es dem Ort in vielerlei Hinsicht noch zu gut gehe, sei aber im Hinblick auf das Altenheim auch ein Problem, sagt Klaus-Dieter Buckermann, Vorstandsmitglied der 2011 gegründeten "Bürgerstiftung Haldern". "Die künftigen Herausforderungen des demografischen Wandels werden nicht unbedingt gesehen", sagt Buckermann. "Das ist alles noch sehr abstrakt." Ein Sportplatz lasse sich mithilfe der Bürger leicht finanzieren, aber Geld zu sammeln für einen Begegnungsraum im Altenheim sei mühsam, weil niemand so recht die Dringlichkeit erkenne.

"Grundsätzlich ist die Hilfsbereitschaft im Dorf sehr groß", sagt Hermann Prangenberg, vom Kreis beauftragter Vertrauensmann der Altenheim-Bewohner. Es gebe aber eingefahrene Strukturen. Wer mit komischen Ideen von außen komme, würde erst einmal als Fremdkörper begriffen. Fockenberg war ein solcher Fremdkörper, als er vor elf Jahren die Leitung des Traditionshauses Sankt Marien übernommen hat. In diesem Jahr feiert das Altenheim 125-jähriges Bestehen. Feiern ließe sich wohl auch, dass die Vorbehalte gegenüber Fockenbergs Plänen allmählich in sich zusammenfallen. "Gegner des Projekts fragen mich inzwischen, ob es noch einen Heimplatz für ihre Mutter gibt", sagt der Sozialpädagoge.

Tatsächlich befindet sich Sankt Marien mitten im Umbruch, räumlich wie strukturell. Die rund 80 Bewohner leben in zwei neu errichteten Häusern mit je vier, sehr offen gestalteten Wohngruppen. Das alleine wäre kaum ungewöhnlich. Im Haus angesiedelt aber ist seit einem Jahr auch der Waldzwerge-Kindergarten, das Gemeindezentrum, Pfarrbüro und Leihbücherei sollen folgen. Sein Traum ist es, schwärmt Fockenberg, noch mehr dörfliche Einrichtungen nach Sankt Marien zu holen. Er stellt sich - als Gegenentwurf zur Immobilität vieler alter Menschen - eine "Mobilität der Institutionen" vor. "Warum soll die Stadtratsitzung nicht in einem Saal bei uns stattfinden?", fragt er. So könnten die Altenheim-Bewohner teilnehmen, wenn sie wollten. "Der Einzelne ist damit nicht mehr der Einsamkeit des Alters ausgeliefert."

  • Emmerich : Stellenabbau - Spital dementiert Gerüchte

Mit dem angeschlossenen Kindergarten wird diese Gemeinschaft schon praktiziert. Die Kleinen hätten viele Zimmer der Heimbewohner erobert, erzählt Prangenberg, und etliche Herzen dazu. "Eine alte Frau hat durch den Umgang mit den Kindern seit Jahren wieder gesprochen", sagt er. Beide Seiten würden davon profitieren, erklärt der Sozialpsychologe Alois Heinemann, der das Haus in dessen Wandel berät. "Wenn Kinder selbstverständlich mit Krankheit und Tod umzugehen lernen, stabilisiert das ihre Persönlichkeit. Es ist ein großes Manko unserer Gesellschaft, sie von diesen Erfahrungen auszuschließen", sagt Heinemann. Überhaupt sei es wichtig, in der Sozialstruktur des Heims einen Querschnitt durch alle Schichten zu bieten - so fangen bereits die Bewohner einen Teil der Probleme auf.

Auch das ist Teil des Konzepts: Kranke Menschen, beispielsweise demente Bewohner, mit in die offenen Strukturen einzubinden. Fockenberg will keine baulichen Begrenzungen wie in sogenannten Demenzdörfern, damit orientierungslose Menschen nicht weglaufen, er setzt auf Angstfreiheit durch eine vertraute Umgebung. Und auf das Miteinander von Kranken und Gesunden, das noch verstärkt wird durch verbindende Erlebnisse. "Beim Schützenfest führt der Umzug auch über den Platz von Sankt Marien, so dass alle Bewohner das Gefühl haben, dazuzugehören."

Was oft vergessen wird: Auch das Personal von Sankt Marien muss den Wandel mitgehen und mittragen. Sonst funktioniert es nicht. Rund 120 Festangestellte arbeiten in dem Halderner Haus, dazu mehr als 100 Ehrenamtliche, was vergleichsweise viel ist - hier zeigt sich wieder die grundsätzliche Bereitschaft des Dorfes, sich zu engagieren. Heinemann bietet Fortbildungen an für das Personal, erklärt, wie man reagieren sollte bei bestimmten Krankheitsbildern. Es wird auch ein Raum geschaffen für den emotionalen Austausch der Mitarbeiter untereinander, um Spannungen abzubauen. Ein solch langwieriger Prozess verlange allen Beteiligten viel ab, sagt Heinemann. Und noch ist das Ende des Weges nicht erreicht.

Bisher ist der "Dorfplatz" von Sankt Marien nicht fertiggestellt, es fehlt der Springbrunnen, und das Gras für die Wiese sprießt noch nicht. Aber es wächst. Man kann sich bereits vorstellen, wie es aussehen soll, das Heim als Dorf. Johannes Fockenberg dämpft allzu überzogene Erwartungen. Es gebe immer noch viele Unzufriedene, sagt er, auch unter den Bewohnern. "Das hier ist nicht der Himmel auf Erden." Aber vielleicht ein ganz kleines Stückchen näher dran.

(RP)