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Emmerich: Echte Freunde nach Tschernobyl

Emmerich : Echte Freunde nach Tschernobyl

Im kleinen Dorf Azdamcy sind die Emmericher durch die Initiative "Kinder von Tschernobyl" bekannt.

Azdamcy ist ein kleines Dorf in Weißrussland. Nur wenige Menschen leben hier, in Kolchosen, landwirtschaftlichen Betrieben, mehr schlecht als recht. Ernst Grodowski war schon fünfmal dort, keine 150 Kilometer vom Unglücksreaktor in Tschernobyl entfernt. Den 64-jährigen Emmericher kennt man im Dorf. Weil viele Bewohner in Emmerich waren - als "Kinder aus Tschernobyl". Und bei den Grodowskis gewohnt haben.

1994 war's, als Ernst und Verena Grodowski in der Zeitung von der Initiative "Kinder aus Tschernobyl" gelesen hatten. "Da sind wir aus Interesse mal hingegangen", erinnert sich der heutige Rentner, der früher als Mitarbeiter eines Wasserversorgungs-Unternehmens in Mülheim gearbeitet hat. "Da war schnell klar, dass wir auch mitmachen und Kinder aus Tschernobyl für drei Wochen im Sommer bei uns aufnehmen", erzählt er. Gut 700 Kinder haben seither die Stadt Emmerich besucht und bei Gasteltern gewohnt. "Da sind echte Freundschaften entstanden, nicht nur bei uns", sagt Grodowski, der seit 2013 Vorsitzender des Vereins ist, der nächstes Jahr 25-jähriges Bestehen feiert. Im Februar vergangenen Jahres sind er und seine Frau einer Einladung zu einer Hochzeit eines ehemaligen Gastkindes gefolgt.

Schon 1995 ist Grodowski nach Azdamcy gereist, "damals noch organisiert von einer sehr aktiven Korschenbroicher Initiative". 1900 Kilometer fährt man mit dem Bus, ist gut 30 Stunden unterwegs. Aus Emmerich war er der Einzige. "Sonst traute sich niemand, so nahe an den Unglücksreaktor zu kommen", sagt er. Erst langsam rückt er damit raus, dass er nicht nur 150 Kilometer vom explodierten Reaktor entfernt war. "Ich bin sogar mit einer Gruppe, mit Geigerzählern und einer Sondergenehmigung, direkt in der Sperrzone am Unglücksort gewesen", erzählt er. "Das würde ich nicht mehr machen." Schon damals hätte er ein "ganz unsicheres Gefühl gehabt".

Die Kinder, die aus der Region Azdamcy nach Emmerich kommen, stammen aus einer schwach radioaktiv belasteten Gegend. "Kranke Kinder dürften wir auch gar nicht aufnehmen, weil wir sie im Falle eines Falles nicht behandeln könnten", erklärt Grodowski. Anders als die Ukraine, wo Tschernobyl liegt, hat Weißrussland das Gros des atomaren Unglücks von 1986 zu tragen. "Ich kenne aber nur ein Kind, das krank war und einen Tumor hatte", sagt er. Mittlerweile sei es wieder gesund.

Alle drei, vier Jahre sind die Grodowskis zu Besuch in Azdamcy und werden auf der Straße wiedererkannt. "Immerhin hatten wir ja auch schon über 40 Kinder bei uns", sagt der Emmericher. Im Jahr 2000 hatte sich die gesamte Familie mit den damals sechs und zehn Jahre alten Kindern auf die Reise gemacht. "Es prägt schon, wenn man sieht, in welch ärmlichen Verhältnissen die Menschen dort leben", sagt er. Aber die Menschen seien sehr herzlich. Teilen das wenige, was sie haben. Und feiern gern. Langeweile käme in der Woche, die die Grodowskis dort verbringen, nie auf. Mittlerweile gehen die Emmericher ihre Reise bequemer an. "Wir fliegen von Amsterdam direkt nach Minsk. Dort werden wir dann abgeholt", sagt der Vereins-Vorsitzende. Er freut sich schon auf nächstes Jahr. Denn vom 1. bis zum 25. Juli kommen sie wieder, die Mädchen und Jungen aus Azdamcy.

(rey)