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Bordell Fun Garden in Emmerich: Die Angeklagte bricht ihr Schweigen

Bordell Fun Garden in Emmerich : Die Angeklagte bricht ihr Schweigen

Vor dem Landgericht in Kleve erzählt Olga G. (40) ihre Version der Geschehnisse im Bordell "Fun Garden". Sie gesteht, Buchhaltungszahlen frei erfunden zu haben und spricht von "Spritgeld für den Fahrer".

Acht Verhandlungstage hatten vor dem Landgericht Kleve die Zeugen das Wort. Genauer gesagt, vor allem Zeuginnen. Junge Frauen aus Deutschland, aus Estland, aus der Ukraine, aus Bulgarien, Rumänien und Ungarn. Was sie sagten, ergab ein schillerndes Bild der Geschehnisse in dem Emmericher Bordell "Fun Garden". Ein Bild, das nicht immer widerspruchsfrei und manchmal sogar glatt erlogen war, aber insgesamt doch in vielen Punkten geeignet, die Anklage zu stützen.

 Rückblick: Die Razzia im Fun Garden.
Rückblick: Die Razzia im Fun Garden. Foto: kds/mvo

Das hat offenbar tiefen Eindruck hinterlassen, und so brach gestern, nach neun Monaten Untersuchungshaft und sechs Tage vor Heiligabend, die Angeklagte Olga G. (40) ihr Schweigen. Ihre eigene Rolle schilderte sie in größtmöglicher Bescheidenheit: "Ich habe von Anfang an als Thekenbedienung gearbeitet. Meine Aufgaben: Eintritt kassieren, Getränke - Bedienen halt."

Olga G., die aus Sibirien stammt, in Omsk BWL studierte und als Spätaussiedlerin nach Deutschland kam, sprach in einem sehr guten Deutsch, sie drückte sich sehr gewählt aus und konnte zugleich schlagfertig ins Derbe abrutschen, etwa, als der Vorsitzende Richter Christian Henckel ihr vorhielt, Olgas mitangeklagter Lebensgefährte Esed D. (53) sei gar nicht in der Lage gewesen, die geschäftlichen Abläufe zu überreißen.

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Antwort Olga: "Das würde ich nicht sagen, so doof ist er auch nicht." Allgemeine Heiterkeit bei allen Beteiligten - Esed inklusive.

Kassenbuch per Imaginationskraft geführt

Olgas Aussagen zu den im "Fun Garden" praktizierten Techniken im Bereich der Buchhaltung dürften indes nur Staatsanwalt Hendrik Timmer heiter gestimmt haben. Zu den Abschlagszahlungen auf die Steuern für die in dem Etablissement tätigen Prostituierten, deren Höhe auf einem Zettel für das Finanzamt protokolliert werden musste ("Düsseldorfer Verfahren"), sagte sie etwa: "Mir wurde die Summe genannt, und ich musste das dann zusammenbasteln."

Auch das Kassenbuch, in das ein normaler Kaufmann die Zu- und Abgänge des Barbestandes einträgt, war Olgas Geständnis zufolge offenbar weitestgehend ein Produkt der Imaginationskraft - und um diesen Tatbestand zu verschleiern, tauchten ab und an verräterische Eintragungen des Typs "3000 Euro Einlage" auf. Das musste gemacht werden, da eine Kasse bekanntlich höchstens leer, nie aber negativ gefüllt sein kann. Verschleiert werden musste damit ein realer Schwund in der Kasse des "Fun Gardens", denn Esed D. und sein Kompagnon Ali E. genehmigten sich monatliche Entnahmen in Höhe von jeweils 10 000 Euro. So freimütig Olga G. über die finanziellen Hintergründe des Betriebs berichtete, so diffus wurden ihre Angaben, als es um die menschliche Seite ging - die Aspekte, die die Anklage als "Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung" auslegt.

Durchschnittlich 1000 Kunden habe es im Monat gegeben, an betriebsamen Wochenenden seien bis zu 25 Frauen tätig gewesen. Diese seien "manchmal allein, oft in Begleitung" zum Bordell gelangt. Deren "Fahrer" hätten dann ein "Spritgeld" erhalten. Manchmal seien sogar nach bloßer telefonischer Kontaktaufnahme "Vorschüsse" für Reisekosten an Frauen nach Osteuropa überwiesen worden. Als sie nach der Bedeutung des Eintrags "1000 Euro Ungarn" im so genannten Schuldenbuch befragt wurde, erklärte sie: "Da haben wir billig Red Bull aus Ungarn gekriegt."

Zwangsprostitution?

Eine Zeugin aus Rumänien, die bereits einmal ausgesagt hatte, äußerte sich am Dienstag noch zur Ungarin Laura, die in der vergangenen Woche von ihrem Martyrium berichtet hatte. Erneut fielen Widersprüche auf, doch der Punkt der zwangsweisen Arbeit im "Fun Garden" wurde durch einen dramatischen Auftritt untermauert. Tränenüberströmt erzählte die Frau, wie sie Laura nach einem Spaziergang zurück ins Bordell geschubst habe, als diese habe flüchten wollen - offenbar aus Angst, dass sie für die Schulden der Ungarin würde aufkommen müssen.

Wie unterschiedlich die Aussagen aller bisherigen Zeugen gewertet werden, zeigte am Ende des 9. Verhandlungstages der Antrag von Olgas Verteidiger Andreas Kost. Er forderte, die Haft auszusetzen, da es keinen dringenden Tatverdacht mehr gebe. Staatsanwalt Timmer widersprach vehement. Drei Tage vor Heiligabend, am zehnten und letzten Verhandlungstag in diesem Jahr, wird die Kammer darüber entscheiden, ob Olga G. das Weihnachtsfest gemeinsam mit ihrem 19 Jahre alten Sohn feiern kann

(dau)