Emmerich: Das Vogelparadies wird immer leerer

Emmerich : Das Vogelparadies wird immer leerer

In der Düffel nimmt die Population der Wiesenvögel weiter ab. Kartierungen der Nabu-Naturschutzstation Niederrhein belegen den rasanten Rückgang der geschützten Tiere. Der Nachwuchs fehlt, weil es kaum noch ideale Brutorte gibt.

Es ist kurz nach 5 Uhr, die Sonne geht auf und Volkhard Wille (50) steht in Gummistiefeln im Kranenburger Bruch. Ein Klemmbrett in der linken Hand, einen Kugelschreiber in der rechten. Wille ist Vorsitzender der Nabu-Naturschutzstation Niederrhein. Als deren Leiter reicht es ihm nicht, an Diskussionsrunden teilzunehmen oder auf Empfängen die Station zu repräsentieren. Er will auch dort sein, wo die eigentliche Arbeit der Ornithologen stattfindet: in der Natur.

Der Vorsitzende hat in den vergangenen Wochen bei Kartierungen mitgearbeitet. Im Frühjahr wird erfasst, wie sich die Vogel-Population in der Niederung entwickelt hat. An sieben Tagen wird jeweils drei Stunden gezählt. Es ist ein standardisiertes Verfahren, so dass die aus dem Monitoring gewonnenen Ergebnisse auch mit den landes- und bundesweiten vergleichbar sind. Dabei läuft jeder Naturschützer einen bestimmten Bereich in engen Bahnen ab und notiert die Vögel, die er an ihrem Gesang erkennt.

Die Düffel, das Kranenburger Bruch und die Hetter bei Emmerich zählen zu den wertvollsten Gebieten für Wiesenvögel in Nordrhein-Westfalen. Ein Paradies für viele Arten. Doch wird es hier leerer. Denn was Volkhard Wille in den vergangenen Wochen erfasst hat, ist nicht nur für ihn eine Katastrophe. Seit seinem 14. Lebensjahr engagiert er sich für den Natur- und Vogelschutz und kann beurteilen, auf welchem Niveau sich die Bestände bewegen: "Das Resultat der Zählung dürfte mit zu den schlechtesten gehören."

Die Zahl von nahezu allen Vögeln, die bereits auf der Roten Liste der bedrohten Tier- und Pflanzenarten stehen, ist in dem von der Nabu-Station betreuten Gebiet weiter rückläufig. Und die Prognose ist ebenfalls schlecht.

Die genauen Zahlen kennt Stefanie Heese (31). Die studierte Biologin arbeitet seit zwei Jahren bei der Nabu-Station und war an dem Monitoring beteiligt. Der Kiebitz gehöre nicht nur in der Niederung, sondern in ganz Deutschland zu den bedrohten Vögeln, so Heese. Anfang der 90er Jahre gab es in der Düffel noch 400 Paare, 2017 waren es 129 und in diesem Jahr wurden nur noch 111 gezählt. Die Ergebnisse decken sich mit Zahlen der Bundesregierung. Im vergangenen Jahr hatte die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen eine Anfrage zu dem Thema gestellt. So ging der Bestand des Kiebitzes national in der Zeit von 1990 bis 2013 um 80 Prozent zurück.

Bei der Uferschnepfe ist der Trend derselbe - stramm bergab. Die Zahl dieses Wiesenbrüters im Kranenburger Bruch liegt derzeit bei zwölf Paaren. Die Zählung läuft noch. 2010 waren es 35. Nach Angabe der Bundesregierung ist das Aufkommen hier national um 63 Prozent zurückgegangen (Zeitraum 1990 bis 2013).

"Ein weiteres Beispiel für eine schwindende Population ist die Feldlerche", sagt Stefanie Heese. Von 63 Revierpaaren im Jahr 2013 ist das Aufkommen dieses Vogels auf 19 gesunken (2017). Auch hier ist aktuelle Kartierung noch nicht abgeschlossen. Angesichts der ersten Ergebnisse wird sich an der negativen Entwicklung nichts ändern.

Ein Grund für die schwindende Artenvielfalt bleibt laut Wille die fortschreitende Intensivierung der Landwirtschaft. "Die Vögel haben kaum noch Möglichkeiten, erfolgreich zu brüten. Die für die Düffel typischen feuchten Wiesen werden weniger", sagt der Nabu-Vorsitzende. Durch die Austrocknung der Landschaft vermehren sich zunächst die Mäuse. Daraus folgend Füchse, die Wiesenvogeleier nicht links liegen lassen.

Der Kiebitz war jahrelang ein Allerweltsvogel, die Population zehn bis 15 Jahre stark. Jetzt bricht sie zusammen. "Es fehlt der Nachwuchs", erklärt Wille. Der Bruterfolg ist zu gering. Um die Population zu halten, müssen statistisch gesehen bei zehn brütenden Paaren acht Jungvögel überleben. Diese Quote kann nicht mehr erreicht werden, weil sich die Bedingungen massiv verschlechtert haben. Die Wiesen werden früher und häufiger gemäht. Teilweise während der Brutzeit, so Wille. Dadurch gibt es immer weniger Pflanzen und somit auch Insekten. Die brauchen die Vögel als Nahrung. Ein Grund für die Situation sind laut Nabu-Vorsitzendem die eingesetzten Pflanzenschutzmittel. Hoffnung macht den Naturschützern, dass viele Landwirte Rücksicht auf Gelege nehmen.

2012 wurde das Projekt "Grünland für Wiesenvögel" gestartet. Unter anderem kauft der Nabu dabei Flächen an, um diese extensiv zu bewirtschaften. An Blänken von erfolgreich vernässten Feuchtwiesen konzentrieren sich viele Vogelarten. Jungvögel aus dem Umland werden hierher geführt.

Doch wie die Ergebnisse der Katierungen zeigen, reichen die aktuellen Schutzmaßnahmen nicht aus. Setzt sich der Trend fort, nimmt die Zahl der bedrohten Vogelarten zu. Der Himmel wird dann immer leerer und der Frühling immer stiller.

(jan)