Das Krankenhaus in Emmerich setzt auf eigene Stärke

Interview Johannes Hartmann : „Wir setzen auf eigene Stärke“

Das St. Willibrord-Spital besteht im Jahr 2020 seit 175 Jahren. Gelegenheit für Fragen an den Geschäftsführer von „pro homine“, Johannes Hartmann. Er steht dem Verbund vor, zu dem das Emmericher Krankenhaus gehört – wie auch das Marien-Hospital in Wesel und neun Senioreneinrichtungen in der Region.

Anfang der 2000er rettete eine Fusion mit dem Weseler Marien-Hospital das Emmericher Krankenhaus. Danach gab es viele Jahre schwarzen Zahlen, die Leute atmeten auf, nur um dann erneut durch Spekulationen über ein Zusammengehen mit den Klever Krankenhäusern verunsichert zu werden. Sie haben schließlich in 2019 für Ruhe gesorgt und Millionen in den Standort investiert. Ist so eine Achterbahn der Gefühle normal? Oder ist Emmerich ein Sonderfall?

Johannes Hartmann Zusammenschlüsse von Krankenhäusern sind immer weitreichende Entscheidungen, die auch mit Emotionen verbunden sind – bei den Beschäftigten ebenso wie in der breiten Öffentlichkeit. Insofern ist Emmerich kein Sonderfall. Aktuell aber gibt es keine konkreten Überlegungen für einen Zusammenschluss der pro homine mit Kleve oder einem anderen Partner. Ganz im Gegenteil ist die Entscheidung, stark in das St. Willibrord-Spital zu investieren, ein deutlicher Beleg dafür, dass wir unsere Eigenständigkeit gemeinsam mit dem Marien-Hospital Wesel betonen und auf eigene Stärke setzen.

Wo liegen die Schwerpunkte des St. Willibrord-Spitals in den kommenden Jahren?

Hartmann Wir möchten vor allem die Altersmedizin weiter stärken und die Unfallchirurgie wieder nach vorne bringen. Die Besetzung der Chefarztposition in der Altersmedizin mit Herrn Dr. Borrmann war ein erster wichtiger und guter Schritt. Er hat die Abteilung strukturell und organisatorisch stabilisiert und ist aufgrund seiner fachlichen Expertise als Neurologe der geeignete Mediziner für diese verantwortungsvolle Position. Hinzu kommt der überaus wertschätzende Umgang, den er mit seinen Patienten pflegt. Das spricht sich herum und findet weithin Anerkennung. Für die Unfallchirurgie konnten wir mit Herrn Dr. Heiko Rüttgers einen erfahrenen und gut ausgebildeten Arzt gewinnen, der zum 1. März 2020 seinen Dienst als Leitender Arzt des Departments Unfallchirurgie aufnehmen und die Vakanz in diesem Fachgebiet beenden wird. In der Orthopädie hat das St. Willibrord-Spital in 2019 über 550 Endoprothesen implantiert. Dies unterstreicht den besonderen Schwerpunkt mit dem Endoprothetik-Zentrum und dem Zentrum für Fuß- und Sprunggelenkchirurgie in Emmerich. Für die Wirbelsäulenchirurgie konnte ein zusätzlicher Oberarzt zum 01.01.2020 gewonnen werden. Mit seiner Hilfe werden wir die weiterhin steigende Nachfrage nach ärztlicher Expertise erfüllen können. 2020 sollen das Alterstraumatologische Zentrum ATZ und das lokale Traumazentrum im St. Willibrord-Spital zertifiziert werden. Dabei geht es um eine standardisierte, leitliniengerechte Versorgung von Patienten nach Unfällen. Und: 2020 steht das Überwachungsaudit für die Zertifizierung der pro homine nach DIN-ISO an. Schwerpunkt dabei wird das Emmericher Krankenhaus sein.

Ärzte und Pflegepersonal klagen über zum Teil drastische Unterbesetzung. Wie ist die Lage im St. Willibrord-Spital?

Hartmann Es besteht keine Personalnot. Im ärztlichen Dienst sind alle etwa 75 Stellen vergeben. Die Zahl der Pflege- und Funktionskräfte beträgt aktuell 320. Im Jahr 2019 wurden zwölf frisch examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger zusätzlich eingestellt. Wir bilden über das Bildungszentrum Niederrhein selbst im großen Stil aus, das macht sich bezahlt.

Privatisieren, Kürzen, Sparen, kleine Krankenhäuser schließen. Das sind die Schlagworte, die in der Gesundheitspolitik dominieren. Ist ein Ende absehbar?

Hartmann Fusionen sind in der deutschen Krankenhauslandschaft gang und gäbe. Es geschieht regelmäßig, dass sich Kliniken zusammentun, um im Wettbewerb besser bestehen zu können. Der Druck ist groß, die Verunsicherung auch. Von verschiedenen Seiten ist immer wieder die Forderung zu hören, die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland müsse reduziert werden. Denken wir nur an die Studie der Bertelsmann-Stiftung, die breit diskutiert wurde: 600 statt aktuell 1400 Kliniken seien genug, hieß es dort. Als Krankenhaus-Geschäftsführer unterstütze ich die Aussage der Deutschen Krankenhausgesellschaft, die vor einer „Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß“ warnt. Ich nehme Bundesgesundheitsminister Spahn beim Wort, der kürzlich betont hat: „Ein Krankenhaus vor Ort ist für viele Bürger ein Stück Heimat.“ Damit verbunden war seine Zusage, Krankenhäuser in ländlichen Regionen, zu denen es in erreichbarer Nähe keine Alternative gibt, künftig finanziell zu unterstützen.

„pro homine“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „für den Menschen“. Wie kann ein katholisches Krankenhaus diesem Gedanken im Jahr 2020 gerecht werden?

Hartmann Indem es dafür Sorge trägt, dass im Alltag gelebt wird, was im Leitwort der pro homine festgeschrieben ist: Wir wenden uns den  Menschen in einer christlichen Grundhaltung zu. Das bedeutet: Wir achten die Würde und Einzigartigkeit jedes Einzelnen und pflegen einen respektvollen und toleranten Umgang miteinander. Das gilt unabhängig von Religion, Alter, Geschlecht, Nationalität oder gesellschaftlichem Ansehen. Zur Klärung ethischer Fragen gibt es in der pro homine ein eigenes Komitee. Zum Ausdruck kommt der christliche Leitgedanke auch darin, dass in den Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen der pro homine Seelsorgerinnen und Seelsorger tätig sind, die von ehrenamtlichen Kräften unterstützt werden. In ihren Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen unterhält die pro homine künstlerisch gestaltete Kapellen, in denen der Glaube gelebt wird. Es gibt Gottesdienste, Andachten und andere Feiern. Ein Beispiel: Zum Jahresabschluss findet im St. Willibrord-Spital an Silvester um 15.30 Uhr eine heilige Messe mit Spendung der Kommunion auf den Stationen statt. Wenn wir 2020 das 175-jährige Bestehen des Krankenhauses begehen, erinnern wir an jene Frauen und Männer, die 1845 aus einer christlichen Grundhaltung heraus dieses Krankenhaus gegründet haben. Das ist uns Auftrag und Verpflichtung bis heute.

Wenn Sie eine Botschaft an die Mitarbeiter von pro homine in einem Satz formulieren müssten, wie würde dieser Satz lauten?

Emmerich Willibroard Krankenhaus. Foto: van Offern, Markus (mvo)

Hartmann Die Geschäftsführung weiß Ihr tägliches Engagement in der pro homine sehr zu schätzen und wird sich auch 2020 für sichere Arbeitsplätze mit Zukunftsperspektiven ins Zeug legen.