Das Kolpinghaus Rees wird 60 Jahre alt

Historie : Happy Birthday, altes Haus!

Das Reeser Kolpinghaus wurde vor 60 Jahren, am Buß- und Bettag 1959, eingeweiht. Doch die Geschichte des Hauses am Mühlenturm reicht noch viel weiter zurück.

„Zum ersten Mal in der langen Vereinsgeschichte erhält die Kolpingsfamilie ihr eigenes Haus“, heißt es in der Chronik „100 Jahre Kolpingfamilie Rees: 1881 – 1981“. Der Eintrag bezieht sich auf das Jahr 1959, in dem das Kolpinghaus eingeweiht und gesegnet wurde. Fünf Monate zuvor war es „in sehr desolatem Zustand“, so der Chronist, „von der Stadt Rees gepachtet und von den Kolpingssöhnen in mühseliger Kleinarbeit in eigener Regie innen und außen mustergültig instandgesetzt“ worden.

Damit ging ein Wunsch in Erfüllung, der schon 27 Jahre früher realisiert werden sollte. 1932 hatte der Gesellenverein, aus dem später die Kolpingfamilie hervorging, den Bau eines Hauses hinter der früheren Küsterei an der Kapitelstraße vorbereitet. Der Plan wurde aber zerschlagen, als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen und das Gedankengut Adolph Kolpings unterdrückten. Nach der völligen Zerstörung des historischen Reeser Stadtkerns 1945 fiel die Wahl der Kolpingfamilie auf die heutige Adresse am Rhein. Anders als der benachbarte Mühlenturm aus dem 15. Jahrhundert, war das Gebäude nicht allzu stark durch Bomben und Flak-Beschuss beschädigt worden.

Präses Woltering und Jung-Senior Gerhard Sweekhorst 1959 bei der Einweihung des Kolpinghauses. Foto: RP-Archiv

„Aus Jugendheim wird Kolpinghaus“, titelte die Rheinische Post erstmals am 29. April 1959. Mit „Jugendheim“ war das frühere Domizil der Reeser Hitler-Jugend gemeint, die zwei Jahre vor Kriegsbeginn die Immobilie bezogen hatte. Der beschriebene „sehr desolate Zustand“ ergab sich aus der Folgenutzung des HJ-Heims nach dem Zweiten Weltkrieg als Unterkunft für ausgebombte Reeser Familien und später für zugewiesene Flüchtlinge. Notdürftig hochgezogene Wände unterteilten das Haus, das der Stadt Rees gehörte, in viele kleine Wohnungen respektive Zimmer.

Kolpinghaus-Betreiberin Heike Semelka. Foto: Michael Scholten

Dass aus der Schrott-Immobilie eine Vorzeigeadresse der Kolpingfamilie wurde, war vor allem Präses Kaplan Bernhard Woltering zu verdanken. Er überzeugte die Stadt, das Haus für 20 Jahre zu verpachten, motivierte die nötigen Geldgeber, Bürgen und ehrenamtlichen Handwerker. In den Rheinterrassen Driftmeyer gründeten 17 Mitglieder den Verein „Kolpinghaus Rees“.

Die RP berichtete am 22. Mai 1959: „Die günstige Gelegenheit, sich in einem großen Gebäude dicht an der Rheinpromenade mit Bastel- und Spielräumen größeren Formats ein eigenes Heim zu schaffen, wollten sich die Kolpingssöhne nicht entgehen lassen (...) Es soll auch ein Vorkaufsrecht dieses städtischen Besitzes erwirkt werden, so dass alles, was hier nun bald durch Fleiß und Können entstehen wird, später mal in den Besitz der Kolpingfamilie Rees übergehen kann.“

Präses Kaplan Woltering ging auf der Baustelle mit gutem Beispiel voran. „Der konnte malochen wie ein Pferd“, sagt Helmut Böing, langjähriger Vorsitzender der Kolpingfamilie. „Er schleppte Steine, stand schweißgebadet auf der Leiter oder transportierte mit dem Moped auch schon mal ein Kanalrohr, das er zwischen seinen Knien fixiert hatte.“

Am 5. September 1959 lobte die RP das „schöne Gemeinschaftswerk, das Meister und Gesellen ehrenamtlich nach Feierabend und am Wochenende vollenden“.  Geleitet wurden sie bei ihrer Arbeit vom Künstler Willy Angenendt, der die Innenarchitektur entwarf und im Flur des Hauses ein Fresko schuf.

Am Buß- und Bettag, 18. November 1959, weihte Dechant Dyckmann das Kolpinghaus ein. Laut Zeitungsbericht verlieh der Geistliche seiner „Freude darüber Ausdruck, dass zu dem Jugendheim, dem Kindergarten und dem St. Pius Haus nun auch ein Kolpinghaus als neue Zelle des katholischen Glaubens in Rees gekommen sei.“ 60 Jahre später blickt Helmut Böing stolz auf die Pioniere zurück: „Sie hatten nichts, aber sie haben etwas Tolles aufgebaut.“ Erste Einnahmen erhielt die Kolpingfamilie durch die Vermietung des Hauses für private oder öffentliche Feiern. Auch das Arbeitsamt und die Innungskrankenkasse mieteten zeitweise einzelne Räumeund machten das Kolpinghaus zu ihrer Anlaufstelle.

Am 1. Oktober 1959 zog auch das erste Hausmeisterpaar in das Kolpinghaus ein: Johannes und Mia Wennekers. Nun musste die Gastronomie nicht mehr durch die Kolpingfamilie improvisiert werden, sondern kam in kompetente Hände.

Mia Wennekers arbeitete 33 Jahre als Hausmeisterin und Wirtin im Kolpinghaus und war bis 1994, als sie mit 66 Jahren in Rente ging, der „gute Geist des Kolpinghauses“.

Die Nachfolge trat Heike Beyer an. Die dreifache Mutter, deren Eltern schon seit 30 Jahren bei Kolping aktiv waren, hatte vorher als Kellnerin in den Rheinterrassen Tillmann gearbeitet. „Als mein Schwager Robert Tillmann erfuhr, dass wir seine beste Kraft fürs Kolpinghaus abgeworben haben, hat mir das den größten Ärger meines Lebens eingebracht“, blickt Helmut Böing schmunzelnd zurück. Heike Beyer, die seit ihrer Hochzeit in diesem Jahr Heike Semelka heißt und bis zum letzten Rheinfest Reeser Rheinkönigin war, konnte im August ihr Silberjubiläum als Kolpinghaus-Pächterin feiern.

In ihre Ära fiel auch die Gründung einer Frauengruppe innerhalb der Kolpingfamilie 1995 und eine großangelegte Renovierung des Kolpinghauses zum Kolpinggedenktag am 6. Dezember 1998. In den 130 Quadratmeter großen Hauptsaal wurde eine Akustikdecke eingezogen, zudem wurden neue Strahler und eine Lautsprecheranlage installiert. Der alte Holzfußboden war zuvor durch Estrich ersetzt worden. Die RP schrieb: „Die Renovierung des Hauses, das in Kirchenbesitz ist, bezahlt die Kolpingfamile aus eigener Tasche. Es soll sich um einen fünfstelligen Betrag handeln, gespart von vielen Veranstaltungen.“ Dazu Helmut Böing: „Im Grunde bauen wir das Kolpinghaus seit nunmehr 60 Jahren immer weiter aus.“

Der Text ist ein Auszug aus dem „Reeser Geschichtsfreund“ Nr. 12/2019 mit freundlicher Genehmigung des Geschichtsvereins „Ressa“.